Vom Trump International Hotel bis zum Amtssitz des US-Präsidenten sind es weniger als einen Kilometer Luftlinie. Das Weiße Haus und das von Donald Trump im September eröffnete 5-Sterne-Haus liegen beide auf der Pennsylvania Avenue in Washington, D.C. Und doch hatte man während des TV-Duells das Gefühl, dass sein Hotel und seine Kandidatur etwa gleich weit vom Oval Office liegen. So nah – und doch so fern.

Die Ausläufer des Hurrikans Matthew pfiffen durch die leeren Straßen im Regierungsviertel. Doch das weitaus lautere Rauschen war drinnen im Trump Hotel zu vernehmen, wo das zweite TV-Duell übertragen wurde. Die beiden Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump betraten die Bühne. Statt sich die Hände zu schütteln, nickten sich beide wie stumme Diener zu. In dem Moment ging ein Raunen durch das Atrium des Trump International. Dass sich beide diese Sportlichkeitsgeste nicht abringen mochten: Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet.

Eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Debatte um 21 Uhr Ortszeit füllt sich die rechts vom Eingang gelegene Benjamin Bar. Die vier riesigen Bildschirme, eingelassen in die Rückseite der Bar, hoch über den Spirituosenflaschen, werden vom Sportkanal auf FOX News umgestellt.

Wie so viel in Amerika glänzen vor allem die Oberflächen. Viel Gold, viel Schnörkel, ein bisschen Disneyschlosskitsch. Der Fußboden der Eingangshalle ist mit Marmor ausgelegt. Teppiche federn die Schritte der Kellner ab, die zu den Sesseln und Sitzgruppen ausschwärmen. Reges Treiben an der Bar, bunte Gesichter dahinter – und davor. Die Zuschauer wirken etwas älter, aber keineswegs so kreidebleich wie auf vielen von Trumps Wahlkampfveranstaltungen. Englisch, Spanisch, vereinzelt liegt Französisch in der Luft.

Bei allem Stimmenwirrwarr: Klartext muss Donald Trump erst einmal selbst reden. Die Vorberichte mit Trumps aufgezeichneter Entschuldigung vom Freitag, nachdem die Washington Post eine elf Jahre alte Videoaufnahme veröffentlicht hatte, laufen über die Bildschirme. Die Ausschnitte, in denen er sich mit sexuellen Übergriffen auf Frauen brüstet, verhallen im Small Talk der ankommenden Gäste.

Natürlich zielt die Eingangsfrage von CNN-Moderator Anderson Cooper auf dieses Video ab. Es ist die voraussehbare Konfrontation zu Beginn, und doch windet sich Trump in seiner Rechtfertigung wie eine Gartenschnecke vorm Streusalz: "Sie tischt Wörter auf, die ich vor elf Jahren gesagt habe – ich finde das unanständig, sie sollte sich schämen, um ehrlich zu sein." Trump setzt eine Kunstpause, die das Hotel-Publikum mit kurzem Applaus bedenkt. "Bill Clinton war gegenüber Frauen ausfällig. Hillary Clinton hat diese Frauen attackiert."