Der mächtige US-Republikaner Paul Ryan hat sich von dem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump distanziert. Der Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses werde nicht mehr das Wort für den republikanischen Kandidaten ergreifen und ihn auch nicht mehr verteidigen, sagte Ryan in einem Telefonat mit Abgeordneten, wie mehrere US-Medien berichten, darunter die New York Times, MSNBC und Politico.

Vorausgegangen war ein Skandal um sexistische Äußerungen von Trump. Dazu sagte Ryan, dass er die verbleibenden vier Wochen bis zur US-Wahl am 8. November dazu nutzen werde, die Mehrheit seiner Partei im Repräsentantenhaus zu verteidigen. Ein offizieller Entzug der Unterstützung sei das aber nicht, hieß es weiter. 

Die Nachrichtenagentur AP zitiert eine Person, die bei der Telefonkonferenz dabei gewesen sein soll. Ryan habe seine Unterstützung für Trump zwar nicht zurückgezogen, aber gesagt, er werde ihn nicht jetzt und auch nicht künftig verteidigen. Stattdessen wolle er für republikanische Kongresskandidaten Wahlkampf betreiben. Ein weiterer Beteiligter soll gesagt haben, Ryan habe erklärt, er wolle bis zur Wahl nicht gemeinsam mit Trump im Wahlkampf auftreten. Den republikanischen Kandidaten habe er empfohlen, "das zu tun, was für euren Wahlbezirk am besten ist". 

TV-Duell - Trump muss sich rechtfertigen Beim zweiten TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump musste der republikanische Kandidat seine sexistischen Äußerungen gegenüber Frauen erklären. Er konterte mit Anschuldigungen gegen Bill Clinton und griff Hillary Clinton wegen ihrer E-Mail-Affäre an. © Foto: Getty Images

Trump wies Ryan daraufhin per Twitter zurecht. Er empfahl ihm, sich lieber mit dem Bundeshaushalt, Jobs und illegaler Einwanderung zu befassen – als den Kandidaten der Republikaner zu bekämpfen.

Ryan geht offenbar von Sieg Clintons aus

AP schreibt weiter, Ryan habe quasi eingestanden, dass der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton die Präsidentschaft sicher sei. Er wolle "seine gesamte Energie" darauf verwenden, "sicherzustellen, dass Hillary Clinton keinen Blankoscheck mit einem demokratisch kontrollierten Kongress bekommt", hieß es.

Als Vorsitzender des Abgeordnetenhauses ist Ryan der derzeit mächtigste Republikaner. Ryan hatte Trump in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, rang sich aber im Juni doch zur Unterstützung des umstrittenen Milliardärs durch.

Trump war abermals in die Kritik geraten, weil vor wenigen Tagen ein Video aus dem Jahr 2005 öffentlich wurde, in dem er sich mit sexuellen Übergriffen auf Frauen brüstet. Wenn man ein Star sei, würden sich Frauen dagegen auch nicht wehren. Viele Republikaner rückten daraufhin von ihm ab, weil sie befürchten, dass Trump ihre Chancen auf eine Wiederwahl ruinieren könnte. 

Mehr als 60 prominente Vertreter der Republikaner verurteilten Trumps sexistische Sprüche scharf, unter ihnen der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain und die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice. Mehr als 20 republikanische Spitzenpolitiker forderten Trump sogar auf, das Feld einen Monat vor der Wahl zu räumen. Dies wies der Immobilienmilliardär entschieden zurück: "Ich werde niemals aus dem Rennen aussteigen, werde niemals meine Anhänger im Stich lassen".

Trump veröffentlichte aber ein Video, in dem er sich für die Äußerungen entschuldigte – und zum Gegenangriff auf seine demokratische Konkurrentin Clinton ansetzte. 

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