Hillary Clintons Leute haben sich den Slogan nicht ausgedacht. Donald Trumps Team war schon gar nicht beteiligt. Es ist Michelle Obama, Amerikas scheidende First Lady, die dem US-Wahlkampf seinen Leitspruch verpasste: "When they go low, we go high" – wenn die Tricks der Republikaner im Kampf um das Weiße Haus immer schmutziger werden, müssen die Demokraten sich besonders gut benehmen.

Als Obama und Clinton am Donnerstag in North Carolina Seite an Seite auf der Bühne stehen, lässt das Publikum die beiden gar nicht ausreden. "When they go low", beginnt Obama ihren Satz. Und Tausende Zuhörer rufen sofort zurück: "We go high!" Es sind Obamas Botschaften, ihre Auftritte und Reden, die seit Wochen das Land begeistern. Clinton hält sich im Hintergrund, lächelt nur und lässt die First Lady einfach machen. Ihr ist klar, dass die erste Frau im Staat derzeit ihre wichtigste Fürsprecherin ist.

Zum ersten Mal treten die beiden Demokratinnen gemeinsam im Wahlkampf auf. Und erneut erweist Obama sich als mächtige Unterstützerin: "Hillary weiß, was es heißt, dafür zu kämpfen, dass es den eigenen Kindern einmal besser geht", sagt Obama. Und erzählt von Clintons Eltern, ihrer Mutter, aufgewachsen als Waisenkind, und ihrem Vater, der in seiner Firma Gardinen herstellte. "Wie Barack und ich ist Hillary in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen." Und plötzlich wirkt Clinton, die Multimillionärin, Ex-Außenministerin und eiskalte Wahlkämpferin wie ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Genau deshalb spielt Michelle Obama eine so zentrale Rolle in Clintons Wahlkampf. Sie besitzt, was Clinton fehlt: menschliche Wärme, Empathie und Authentizität. Ihre Beliebtheit soll auf Clinton abfärben. Denn die scheint sich in ihren 30 Jahren auf der politischen Bühne alle emotionalen Regungen abtrainiert zu haben.

Clinton ist Profipolitikerin durch und durch – Obama selbst ernannte Mom-in-Chief, die Mutter der Nation. Diese Rolle füllt sie perfekt aus: Ohne Trump beim Namen zu nennen, verurteilt sie seine brachiale Rhetorik, die Amerikas Jugend gefährde. "Wer wird unsere Kinder prägen und das Land, das wir ihnen hinterlassen – nicht nur für die nächsten vier oder acht Jahre, sondern für den Rest ihres Lebens?" Obamas Antwort: Clinton, natürlich.

Hätte Obama nicht bereits mehrfach ausgeschlossen, selbst für ein politisches Amt zu kandidieren, könnte man meinen, sie bringe sich mit ihrer Rede gar schon als Clintons potenzielle Nachfolgerin in Stellung. Doch unterstützt sie Clinton wohl trotzdem nicht ohne Hintergedanken: Es ist das politische Vermächtnis ihres Mannes, für das sie hier in North Carolina und auf all denen anderen Wahlkampfevents streitet. Schließlich kündigt Trump regelmäßig an, die Gesundheitsreform der Obama-Jahre rückgängig zu machen und zum Beispiel die internationalen Handelsabkommen der vergangenen Jahre wieder aufzukündigen, sollte er die Wahl am 8. November gewinnen.

US-Präsident - Die Obama-Bilanz Im Jahr 2008 begeisterte Barack Obama die Amerikaner mit der Idee, die USA verändern zu wollen. Bald verlässt er mit seiner Familie das Weiße Haus. Was hat er erreicht?

Michelle Obama, die über keinen direkten politischen Einfluss verfügt, ist längst selbst zu einer mächtigen Figur innerhalb der demokratischen Partei geworden. Sie fliegt von einem umkämpften Swing State zum nächsten, ihre Botschaft ist stets passgenau auf Clintons Zielgruppen abgestimmt: Sie spricht über die Mühen des Mutterseins und zeigt Verständnis für die Herausforderungen junger Collegestudenten. In North Carolina soll die erste schwarze First Lady die große afroamerikanische Community begeistern. Schließlich liegt Clinton hier laut Umfragen nur mit hauchdünnen zwei Prozentpunkten vor Trump. "Go out and vote" – das sagt Obama immer und immer wieder. Ihre Auftritte könnten der demokratischen Kandidatin die entscheidenden Stimmen einbringen.  

Werben für eine offene Gesellschaft

Wenn Obama so neben Clinton auf der Bühne steht, wird schnell deutlich, wie sehr die beiden Frauen sich unterscheiden: Clinton wägt jedes ihrer Worte sorgfältig ab, ihr Auftritt wirkt wie die Durchquerung verminten Terrains. Trumps sexistische Kommentare kann sie nicht ansprechen, ohne befürchten zu müssen, dass der gleich wieder die Affären ihres Mannes Bill auspackt. Ihre Erfahrung als Außenministerin ist weitgehend tabu, schließlich schleppt sie noch immer diverse E-Mail-Skandale aus dieser Zeit mit sich herum. Mit der Arbeit ihrer Spendenstiftung kann sie nicht prahlen, denn es besteht der Verdacht, sie habe reichen Gönnern Zugang ins Innerste der US-Regierung verschafft. All die Jahre im Amt haben Clinton gelähmt.

Michelle Obama hingegen bewegt sich auf der Bühne völlig frei – anstatt sich in politischen Details zu verlieren, wirbt sie für eine weltoffene Gesellschaft. "Wir wollen einen Präsidenten, der versteht, dass diese Nation von Leuten errichtet wurde, die aus allen Ecken der Erde stammen." Ihre Reden spickt sie mit Anekdoten aus ihrem privaten Leben, immer schwingt bei ihr auch die Erfahrung der schwarzen Frau mit, die sich an der Seite ihres Mannes trotz aller Widrigkeiten bis an die Spitze des Landes vorgearbeitet hat. "Das hier ist ein Land, in dem ein Mädchen aus dem Süden Chicagos wie ich, dessen Ururgroßvater ein Sklave war, die besten Schulen der Erde besuchen kann."

Keine Skandale, die Obama zurückhalten, kein Washingtoner Politiksumpf, auf den sie Rücksicht nehmen muss. Stattdessen trägt Obama denselben Optimismus in sich, den auch ihr Mann versprühte, als der vor acht Jahren hope forderte und change versprach. Obwohl Clinton an Obamas Seite sichtlich an Selbstbewusstsein gewinnt, schafft sie es nicht, eine ähnlich intime Beziehung zum Publikum aufzubauen. Clinton selbst scheint das völlig klar zu sein: "Mal ehrlich, gibt es jemand inspirierenderes als Michelle Obama?"