Aber nichts spricht in Wahrheit dafür, dass es in Trumps Amtszeit schon nicht so schlimm kommen werde. Die tröstliche Erinnerung an Ronald Reagan, der ja auch zu Beginn als Mann des Entertainments verachtet und als kalter Krieger gefürchtet wurde, um dann doch Frieden mit Gorbatschow zu machen – sie hilft hier nicht weiter: Reagan war zuvor Gouverneur von Kalifornien gewesen, und er hatte eben nie hetzerischen Wahlkampf geführt; seine Siegesformel war optimistisch ("Morning in America"). Reagan war außenpolitisch – selber Teil der Kriegsgeneration – ein Internationalist, der glaubte, dass Amerika eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der liberalen Weltordnung zu spielen hatte. Das bedeutete damals: die Sowjetunion zurückdrängen, aber auch jede Chance zur Verhandlung wahrnehmen.

Nichts davon gilt für Trump. Im Gegenteil: Seine Haltung ist "America First". Und wenn es dazu passt, schließt das sogar Deals mit Feinden der Freiheit ein. Starke Führer teilen die Welt unter sich auf.

Man muss verstehen, dass diese Haltung nicht allein aus Trumps Erfahrungen als Geschäftsmann gespeist wird. Was ist Donald Trumps außenpolitische Philosophie?

Weder widersprüchlich noch wirr

Anders als Frank-Walter Steinmeier suggeriert, sind die Ideen des kommenden Präsidenten weder widersprüchlich noch wirr.

Seine Forderungen lassen sich problemlos auf einem Bierdeckel zusammenfassen: Putin integrieren, Mexikaner draußen halten und die amerikanischen Alliierten künftig wie die Kunden eines Wachdienstes behandeln. Schutz gibt es nur noch gegen Cash, auch in der Nato.

So verständlich der Schock darüber ist: Steinmeiers Behauptung, Trumps Weltsicht ergebe keinen Sinn und man könne sich daher nicht darauf einstellen, ist nicht richtig.

Es mag sein, dass die Weltsicht des neuen Präsidenten den Deutschen, den Europäern, Amerikas Partnern im Nahen Osten und in Asien weder einleuchtet noch gefällt – aber sie ist weder vage noch unstimmig. Es ist einfach nicht wahr, dass Trump keine kohärente geopolitische Vision hätte. Im Übrigen entspricht sie einem der ältesten Stränge amerikanischer Außenpolitik. Er wird nach dem siebten Präsidenten Andrew Jackson (1829–1837), übrigens einem der Gründer der Demokratischen Partei, als Jacksonianismus bezeichnet.

Trump ist ein Jacksonian

Jacksonians sehen die Vereinigten Staaten als zurückhaltenden, prinzipiell gutmütigen tough guy, der eigentlich in Ruhe seinen Geschäften nachgehen will, aber leider immer wieder von Neidern und Störern angegriffen wird. (Dass Trump mit dieser Sicht sympathisiert, wird niemanden überraschen.)

Jacksonians sehen die USA als eine Nation, die am besten fährt, wenn sie ihre Interessen alleine verfolgt. Die Vereinigten Staaten sollen sich in die Angelegenheiten anderer Länder weder aus kommerziellen Interessen noch zum Zweck der Demokratieverbreitung tiefer einmischen (wie es etwa die Wilsonians wollen, die konkurrierende außenpolitische Schule).

Werden die USA angegriffen, müssen sie nach der Ansicht der Jacksonians mit massiver, überwältigender Vergeltung reagieren, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Von Pearl Harbour über den 11. September bis zur Bedrohung durch den IS argumentierten die Anhänger dieser Lehre immer schon so. Auch Donald Trumps Ankündigung, den IS durch Flächenbombardements zu pulverisieren ("bomb the shit out of Isis"), steht in dieser Tradition.

Zurückschlagen ja, andere Interventionen nein

Frank-Walter-Steinmeier sagte Spiegel Online: "Es ist einfach widersprüchlich, wenn das Motto ist 'Make America great again' und gleichzeitig der Rückzug aus der Welt propagiert wird, wenn Kritik an amerikanischen Militäreinsätzen geübt und gleichzeitig gefordert wird, schnell Schluss zu machen mit dem IS in Syrien und im Irak."

Für Jacksonians wie Trump ist das aber keineswegs ein Widerspruch: mit allen Mitteln gegen einen Feind zu(rück)zuschlagen, steht eben nicht im Gegensatz zur Ablehnung anderer Interventionen – seien sie "humanitär", zum Zweck eines Regimewechsels oder zur Durchsetzung internationaler Normen.

Man kann, ja man muss diese Weltsicht kritisieren: Amerika als gutmütige, von immer neuen Bösen überfallene Unschuld – das ist natürlich ein Mythos. Und wohin führt denn das massive Zurückschlagen (siehe Kambodscha, Afghanistan, Irak)?

Donald Trump - "Es ist an der Zeit für uns, zusammenzukommen" In seiner Siegesrede hat der künftige Präsident der USA die Bürger aufgerufen, trotz aller Differenzen als Nation zusammenzukommen. Ein Ausschnitt © Foto: Andrew Kelly/Reuters