Allerdings ist der ebenfalls gescheiterte liberale und neokonservative Interventionismus mitverantwortlich dafür, dass einer wie Trump heute bei den Leuten ankommt. Wir halten uns künftig raus und schlagen nur noch massiv zu, wenn es uns nützt oder unvermeidlich ist – das ist Trumps Antwort auf die Krise jener imperialen Überdehnung amerikanischer Einmischungspolitik, für die Hillary Clinton stand.

Um das klarzustellen: Niemand kann wissen, ob Präsident Trump tatsächlich dieser Linie folgen wird. Man muss auch daran zweifeln, dass dies in der heutigen, interdependenten Welt überhaupt möglich wäre. Es gilt allerdings, sie erst mal zur Kenntnis zu nehmen – schon um zu verstehen, warum seine Äußerungen vielen Amerikanern keineswegs so außerirdisch vorkommen wie den Europäern.

Man kann vier Grundzüge von Trumps Außenpolitik erkennen:

Sie ist isolationistisch – keine Beteiligung an militärischen Aktionen ohne direkten Bezug zur nationalen Sicherheit (man erinnere sich an das Zögern der USA vor dem Eintritt in beide Weltkriege).

Sie ist protektionistisch – an höchster Stelle steht der Schutz vor unfairem Wettbewerb (was sowohl Strafzölle gegen China wie auch eine Mauer gegen irreguläre Migration beinhaltet, beides zum Schutz einheimischer Arbeiter).

Sie ist realistisch – in dem Sinn, dass ein starker amerikanischer Präsident mit anderen Führern ungeachtet ideologischer Differenzen und ohne Rücksicht auf Werte Deals machen sollte, die den eigenen Interessen nutzen.

Sie ist transaktionistisch – und damit ein Bruch mit dem Selbstverständnis der USA als Hegemon, der als Vorleistung Institutionen bereitstellt (Nato, Uno, Nafta), die ihm nicht unmittelbar gleich viel nutzen wie seinen Partnern.

Es wäre falsch, diese klar erkennbaren Leitlinien von Trumps Außenpolitik einfach für Unsinn zu erklären.

Zurücklehnen wäre fahrlässig

Jeder der vier Punkte nimmt legitime Anliegen auf: Die vielen Kriege haben Amerika und die Welt nicht sicherer gemacht. Die Kosten für den Freihandel und die Massenmigration tragen die weißen Arbeiter, die Trump gewählt haben, in Form von Outsourcing und Lohnstagnation. In der neuen Weltordnung diktiert Amerika nicht mehr die Bedingungen. Und schließlich: Die sicherheitspolitische Trittbrettfahrerei vom Amerikas Partnern – Deutschland ganz vorneweg – ist anstößig, was ja übrigens auch Obama bemerkt hatte. (Die Deutschen sparen bei der Bundeswehr und kritisieren den amerikanischen Militarismus. Sie zeigen gerne auf die NSA, sind aber abhängig von US-Erkenntnissen, um Anschläge hierzulande zu verhindern.)

Es ist fahrlässig, sich jetzt im wohligen Bewusstsein europäischer Überlegenheit zurückzulehnen. Trump zuzurufen, man verstehe seine Außenpolitik leider nicht, er möge sich bitte noch mal dransetzen, das zeugt im Übrigen von eben jener Arroganz, die gerade bei der Wahl in Amerika abgestraft wurde.

Nein, diese Außenpolitik liegt in ihren Grundzügen offen zutage, und sie beinhaltet sehr klare, allerdings auch sehr falsche Antworten auf echte Probleme.

Es wäre besser, die Europäer setzten sich selber hin und formulierten ihre eigene Außenpolitik endlich einmal aus: Warum der Isolationismus kurzsichtig ist und am Ende teurer als die vielen internationalen Verpflichtungen. Wie man ohne Protektionismus und Mauern die Arbeiter schützt. Warum purer Realismus gegen Wladimir Putin und Xi Jinping unrealistisch ist. Was Amerikas Partner sich für eigene, neue Beiträge zur gemeinsamen Sicherheit vorstellen können.

Das sind doch lohnende Denksportaufgaben.

US-Wahl-Selfies - "Ich will wissen, wofür Donald Trump wirklich steht" Der Republikaner Michael Boyman aus New York glaubt nicht, dass Donald Trump wirklich an seine Hetzrhetorik aus dem Wahlkampf glaubt. Seine Verlobte macht sich Sorgen um die Spaltung des Landes.