Demokratien halten viele Demütigungen bereit. Dazu gehört, ausgerechnet dem Mann die Hand zu reichen, der angetreten war, das eigene politische Erbe zu zerstören – und nun US-Präsident wird. Ebenso niederschmetternd muss es sein, just nach dieser epochalen Wende ein letztes Mal als amtierender Hoffnungsträger nach Europa zu reisen. Es ist nicht die gefühlige Abschiedstournee am Ende einer erfolgreichen Ära, deren Fortschreibung gesichert ist: Barack Obama bringt nicht mehr den Glanz mit, der auf andere abfärben kann. Der ist ohnehin blasser geworden, seit sich die Erkenntnis durchsetzt, dass auch er ein normaler Politiker ist.

Doch in diesen Tagen der Unsicherheit mag niemand an die Enttäuschungen durch Obama denken. Die Sehnsucht ist wieder da, dass da einer kommt, der mit fester Stimme sagt: Alles wird gut. Der die Angst beschwichtigt, die Donald Trump in sein Land und in die Welt gebracht hat. Der die Kraft zur Versöhnung aufbringt, wenn es bei vielen nur für Verachtung und Kampfparolen langt, egal auf welcher Seite sie stehen. Einer, der Vertrauen schafft, für das sein Nachfolger keinen Anlass bietet.

Die Akropolis in Athen lässt sich Obama allein von einer Archäologin zeigen, Kameras zeigen den Besuch nur von ferne, der Präsident hält seine Augen bei bedecktem Himmel hinter dunklen Gläsern verborgen. An der "Geburtsstätte der westlichen Demokratien" ist er ein nachdenklicher Gast. Seine Rede in Griechenland war schon vor Trumps Sieg mit – wieder einmal – großen Erwartungen aufgeladen worden: Vom Vermächtnis ging das Wort. Die Melancholie, die darin mitschwingt, verleiht den Worten noch mehr Gewicht.

Der wichtigste Titel: Bürger

Im Athener Kulturzentrum der Stavros-Niarchos-Stiftung, wo Obama schon mit Standing Ovations begrüßt wird, sagt er dann: "Demokratie setzt voraus, dass man nicht 100 Prozent von dem bekommt, was man will." Sein Glaube an demokratische Ideale und universelle Werte sei nicht geringer geworden, auch wenn "der nächste US-Präsident und ich unterschiedlicher nicht sein könnten". Solange die Menschen an die Demokratie glaubten, nicht in ihren Prinzipien schwankten und es eine lebendige offene Debatte gebe, "wird unsere Zukunft okay sein". Der wichtigste Titel sei nicht Präsident oder Ministerpräsident, sondern Bürger.

Obama bezieht seine Hoffnung aus der Geschichte. Sie habe gezeigt, dass demokratisch regierte Länder tendenziell gerechter, stabiler und erfolgreicher seien als andere. Und sie beginnt für ihn mit den Stimmen der Jugend und ihrem Willen zur Veränderung: "Fortschritt muss sich jede Generation verdienen."

US-Präsident - Die Obama-Bilanz Im Jahr 2008 begeisterte Barack Obama die Amerikaner mit der Idee, die USA verändern zu wollen. Bald verlässt er mit seiner Familie das Weiße Haus. Was hat er erreicht?

Es klingt wie: zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Es setzt die kommende Präsidentschaft Trumps, dessen Namen Obama nicht ein einziges Mal ausspricht, in eine extrem langfristige Perspektive. Man kann sich nicht dagegen wehren, es so zu verstehen: Dieser Mann ist nur ein Ausrutscher, die Welt wird über ihn hinwegkommen. Obama sagt: "Jedes Handeln eines Präsidenten, jedes Wahlergebnis, jedes mangelhafte Gesetz kann korrigiert werden durch demokratische Prozesse."

Es ist die Fortführung dessen, was Obama seit Tagen zu vermitteln versucht: Der Demagoge Trump, dem alles recht war, um den Beifall eines pöbelnden Mobs zu gewinnen, wird an seinem Amt wachsen. Die Institutionen werden ihn mäßigen. Er wird pragmatisch handeln, nicht ideologisch. Er wird verstehen, was Demokratie bedeutet – und er verdient Unterstützung.

Alles anständige Leute, plötzlich

Trump selbst trägt zu dieser Erzählung bei, nennt Obama jetzt einen "guten Mann", dessen Rat ihm wichtig sei. Er wolle dann doch nicht gleich das ganze Krankenversicherungssystem zerschlagen. Wie schrecklich die Gewalt sei gegen Minderheiten. Alles anständige Leute, plötzlich, auf die er zuvor den Hass richtete. Und doch holt Trump neben pragmatischen Konservativen die schlimmsten Wirrköpfe in sein Team, und die Autokraten und Diktatoren allerorten freuen sich schon auf eine gedeihliche Zusammenarbeit.

Obama bewegt sich auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite droht er in die Verharmlosung abzurutschen, weil er an das Gute in der Welt glaubt. Ob das naiv ist? Seine Athener Rede liefert den entscheidenden Hinweis: Die Geschichte wird es zeigen, irgendwann. Obama zitiert – wie schon so oft – Martin Luther King: "Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit."

Auf der anderen Seite ist das Gute in der Welt für Obama jedoch keine abstrakte, mithin geschenkte Macht. Der Bogen neige sich nicht, weil dies unausweichlich sei, "sondern weil wir ihn zur Gerechtigkeit biegen". Es ist ein Appell an jeden einzelnen, die Demokratie nicht aufzugeben, den Willen und die Kraft aufzubringen, die Zukunft verändern zu wollen. Und damit zweierlei: eine Warnung an Regierungen, die den Menschen zeigen müssen, dass sie gehört werden – damit sie nicht den hohlen Versprechungen eines neuen Nationalismus verfallen. Und zugleich ein Aufruf an alle, denen die liberalen Errungenschaften der freien Welt etwas wert sind, den Kampf aufzunehmen. Es ist Obamas versteckte politische Kriegserklärung an Trump.