Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat seine Partei in der Debatte um den Umgang mit der AfD zu mehr Nachsicht aufgerufen. "Wir müssen die Toleranz, die wir früher für uns eingefordert haben, nun selber an den Tag legen", sagte Palmer der Welt. Diese Toleranz müsse auch Menschen gegenüber gelten, "die wir – vielleicht auch zu Recht – für reaktionär und kleingeistig halten. Auch diese Leute haben einen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden." 

Es gebe eine Minderheit im Land, die sich ausgegrenzt und zurückgelassen fühle, sagte Palmer. Es sei Aufgabe der Grünen, auf derartige Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. "Da empfinde ich meine Partei als eher widerwillig."

Zugleich appellierte Palmer an seine Partei, künftig klarer zwischen Rassismus und Alltagsrassismus zu unterscheiden. "Ich trete der Theorie entgegen, dass man den Alltagsrassismus so entschieden bekämpfen muss wie den offen ausgelebten." Alltagsrassismus sei so diffus, dass man den Großteil der Bevölkerung damit beschuldigen könnte. Ihm selbst sei etwa vorgeworfen worden, Alltagsrassismus zu fördern, weil er sich geweigert habe, gegen einen Bäcker vorzugehen, der "Tübinger Mohrenköpfle" verkauft habe. "Das geht mir entschieden zu weit." Dabei gehe es nicht darum, Alltagsrassismus durchgehen zu lassen, sondern um einen anderen – nicht näher definierten – Umgang damit.

Eine rot-rot-grüne Koalition nach der nächsten Bundestagswahl 2017 schloss Palmer aus. Damit erteilte er auch der Einführung einer bei den Grünen umstrittenen Vermögensteuer eine Absage. "Ich sehe nicht, dass die Linkspartei fähig ist, sich an einer Bundesregierung zu beteiligen."

Mit seinen politischen Positionen ist Palmer in seiner Partei schon häufiger angeeckt. Im Sommer etwa hatte er gefordert, auch gewaltbereite Syrer in ihr Heimatland abzuschieben. Die Forderung hatte innerhalb der Grünen für Empörung gesorgt. "Von Tübingen aus lässt sich einfach darüber nachdenken, ob und wohin man nach Syrien abschieben könnte", hatte Britta Haßelmann, die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, gesagt.