"Der lange, lärmende Wahlkampf Amerikas ist vorüber. Die Vereinigten Staaten haben einen neuen Präsidenten. Am 20. Januar soll er den Eid auf sein neues Amt leisten. Die Frage ist: Wird der neue Mann, wenn er erst einmal im Oval Office sitzt, die schlimmsten Befürchtungen bestätigen, die über ihn im Umlauf sind, oder wird er sich vom alles versimpelnden rechten Flügel zwangsläufig zur differenzierenden Mitte hin entwickeln?"

Schauen Sie bitte genau hin: Dies ist ein Zitat. Es stammt aus einem Leitartikel, den ich am 7. November 1980 in der ZEIT veröffentlichte – nach dem Sieg des früheren Hollywood-Stars und Ex-Gouverneurs von Kalifornien, Ronald Reagan, über den Präsidenten Jimmy Carter. Mit Reagan in die Traufe? lautete die Überschrift, Die Welt nach dem Sieg des Republikaners die Unterzeile.

Gegenüber dem neuen Präsidenten war ich voller Vorbehalte: wegen seiner auf  "Konfrontation Nase an Nase" ausgerichteten Haltung zur Sowjetunion; seiner Bereitschaft, in Krisen Atomwaffen einzusetzen; seinem Aufrüstungsprogramm; schließlich wegen seiner Absicht, den Raketenabrüstungsvertrag Salt II wieder zu zerreißen. Doch war mir klar, dass die Europäer mit dem Neuen würden leben müssen. Und ich führte auch einige Überlegungen an, die ihnen Beruhigung verschaffen mochten.

Erstens: "Ronald Reagan ist ein neuer Besen. Er könnte frisch anfangen, könnte straff führen. Er wäre vermutlich ein Neun-bis-fünf-Uhr-Präsident – einer, der sich nicht selber im Unterholz der Administration verirrt, sondern sich den Kopf frei hält für die großen Entscheidungen. Er würde delegieren."

Zweitens: "Auf der Liste seiner Berater stehen viele Kalte Krieger und Reaktionäre, aber auch sehr achtbare Konservative: Kissinger und Haig in der Außenpolitik, Ellsworth und Packard auf dem Gebiet der Verteidigung, dazu George Shultz, Alan Greenspan, Caspar Weinberger als führende Wirtschaftsberater – damit ließe sich gut zusammenarbeiten."

Drittens: "Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Reagan hat als Gouverneur von Kalifornien schon einmal acht Jahre vorexerziert, dass er kein konservativer Doktrinär ist, sondern ein konservativer Pragmatiker. Sein gewinnendes Wesen, seine Umgänglichkeit, seine Fähigkeit, sich auf Menschen einzustellen, haben ihm das Geschäft erleichtert, auch wo ihm seine politische Philosophie im Wege stand."

Spätestens in Reagans zweiter Amtszeit hat sich erwiesen, dass diese Überlegungen richtig waren. Er mauserte sich zu einem verträglichen, realistischen und letztlich innenpolitisch wie außenpolitisch erfolgreichen Präsidenten.

Heute stellt sich die Frage, ob wir uns über den Wahlsieg Donald J. Trumps mit ähnlichen Argumenten beruhigen dürfen. Wird sich der Pöbler, Hetzer, Sexist und Fremdenfeind, der sich ins Weiße Haus hochgerüpelt hat, auf dieselbe Weise wie Ronald Reagan domestizieren, sänftigen, unter Kontrolle bringen?

Es fällt mir schwer, daran zu glauben. Ronald und Donald – sie sind nicht zu vergleichen. Gewiss, in seiner Siegesrede hat sich Trump moderater und großmütiger gegeben als je zuvor im Wahlkampf. Über Hillary Clinton, gegen die er gleich am ersten Tag seiner Präsidentschaft ein Gerichtsverfahren einleiten wollte ("Jail her!" – Sperrt sie ein!), sagte er: "Wir schulden ihr enorme Dankbarkeit für die Dienste, die sie unserem Land geleistet hat." Den Präsidenten, den er als "desaster" abzukanzeln pflegte, nannte er mit einem Mal einen "guten Mann". Und der übrigen Welt, der er als Propagandist des America first so herausfordernd wie verstörend die kalte Schulter zeigte, rief er nun begütigend zu: "Wir werden Amerikas Interessen stets über alles stellen, aber wir werden auf faire Weise mit jedermann umgehen."

Überraschende Einsichten? Anpassung an das Modicum demokratischer Manieren? Reine Verstellung? Wir wissen es nicht. Wohl aber wissen wir: Trump ist für das Präsidentenamt miserabel vorbereitet. Sein bombastisches Auftreten, seine platte Sprache, seine mangelnde Selbstkontrolle wirken absolut unpräsidentiell. Und sein Prinzip, Feinden wie Freunden gegenüber unberechenbar zu bleiben, macht ihn zu einem schwanken Rohr im weltpolitischen Wind. Wie Henry Kissinger es eben in einem großen Atlantic-Interview ausdrückte: "Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Zukunft von Amerikas Verhältnis zur Welt nicht völlig klar."

Manche reden sich ein, dass Trump so vage bleibt in seinen Ankündigungen, gebe ihm "running room" – Peer Steinbrück hätte "Beinfreiheit" gesagt. Andere trösten sich mit dem Gedanken, dass er nicht wirklich meint, was er sagt. Und viele versuchen sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass die Skepsis, die ihm aus den republikanischen Reihen entgegenschlägt, die Zähigkeit und Trägheit einer eingespielten Bürokratie und vor allen Dingen die Verfassung seinem Wollen und Wirken Schranken setzen werden.

Wir werden mit ihm leben müssen

Wer Trumps Ankündigungen nicht nur ernst nimmt, sondern auch buchstäblich, wird darin wenig Trost finden. Vieles kann der Präsident ja per executive order am Kongress vorbei entscheiden, vieles könnte er durchpauken.

Eine Mauer entlang der mexikanischen Grenze, Neuverhandlung des Nafta-Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada, Erhöhung der Zölle für Einfuhren aus China bis zu 45 Prozent, Nein zu TTIP und TPP – sein hartleibiger Protektionismus könnte einen weltweiten Handelskrieg auslösen. Seine außen- und sicherheitspolitischen Vorstellungen sind abenteuerlich: Er zerredet leichtfertig die Nato-Allianz und die Bündnisse mit Amerikas asiatischen Partnern; er sagt Nein zum Nuklear-Abkommen mit dem Iran; die Nonproliferationsidee gibt er auf ("Sollen Japan und Südkorea sich doch selbst Atomwaffen anschaffen"); auch vom Pariser Klimaabkommen will er wieder abrücken.

Von Trumps innenpolitischen Vorhaben will ich gar nicht reden. Obamacare droht er wieder abzuschaffen, was 21 Millionen Menschen ohne Gesundheitsversicherung lassen würde. Zwei bis drei Millionen illegale Einwanderer will er sofort rüde abschieben lassen, Muslimen die Einreise verbieten. Waterboarding gedenkt er abermals einzuführen. Und sein Verhältnis zur Justiz und zur freien Presse ist mehr als fragwürdig: Wer nicht kuscht, dem droht er Vergeltung an.

Die Amerikaner haben Donald Trump gewählt. Wir werden mit ihm leben müssen – in der Hoffnung, dass er auf guten Rat hört, dass er hinzulernen kann, und dass er seine Ressentiments, seine Vorurteile und seine Besessenheiten zu zügeln vermag.

Indessen sollten wir uns vor einem doppelten Missverständnis hüten: dass es vor allem die "Abgehängten" der weißen Mittelschicht waren, die ihn gewählt haben; und dass die Mehrheit der Amerikaner hinter ihm stünde.

Richtig ist, dass das Wahlergebnis in erster Linie eine Rassen-Entscheidung widerspiegelt. Weiße Wähler machten 69 Prozent der Wählerschaft aus; von ihnen stimmten 58 Prozent für Trump und 37 Prozent für Hillary Clinton. Von den Nicht-Weißen – 31 Prozent der Wählerschaft – gaben 74 Prozent Clinton ihre Stimme, 21 Prozent Trump (Schwarze: 8 Prozent, Latinos 29 Prozent). Trump wählten auch 45 Prozent der männlichen und der weiblichen College-Absolventen. Und er erhielt die Stimmen von 49 Prozent derer, die jährlich mehr als 50.000 Dollar verdienen. Die Mehrheit von ihnen stimmte für Clinton, wie auch die Mehrheit jener, die die Wirtschaft für das größte Problem halten. Er ist also keineswegs nur der Exponent der bedrängten weißen Mittel- und Unterschicht. Vielmehr ist er das Produkt einer totalen Spaltung der gesamten amerikanischen Gesellschaft.

Der Repräsentant der Mehrheit ist Trump im Übrigen auch nicht. Für ihn stimmten 60.350.241 Wähler (47,3 Prozent), für Clinton 60.981.118 (47,8 Prozent). Dank der Eigenheiten des amerikanischen Wahlsystems wurde die Stimmensiegerin mit einem Vorsprung von 603.877 Stimmen zur Wahlverliererin. Hätte Amerika nach dem deutschen System gewählt, so wäre sie jetzt Präsidentin.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Ihr Konkurrent hat gesiegt. Was ich vor 35 Jahren über Ronald Reagan schrieb, gilt nun vermehrt und verstärkt für Donald Trump: "Amerikas Verbündete werden sich ihr Urteil vorbehalten, bis klarer wird, mit wem und zu welchem Ende er Politik machen will. Aber sie werden gut daran tun, die Sitzgurte festzuschnallen. Die Übergangsphase wird nicht ohne Turbulenzen abgehen."