Kurz vor der Wahl ist es auffallend ruhig geworden um den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Den ganzen Wahlkampf über hatte er mit einer großen Verlässlichkeit Woche für Woche skurrile Attacken und Skandale geliefert. Doch seit etwa zwei Wochen hat sich etwas geändert: Trump hält zwar weiterhin eine Wahlkampfrede nach der anderen – er wird sogar sein Pensum in den verbleibenden drei Tagen vor der Wahl noch einmal steigern und in elf verschiedenen Bundesstaaten Wahlkampfveranstaltungen bestreiten.

Doch auf einmal hält er sich an die von seinem Wahlkampfteam erarbeiteten Vorgaben und Sprachregelungen. Seine Reden liest er brav vom Teleprompter ab, anders als früher: Da ging er gerne mal zur freien Rede über, was seine Berater hat verzweifeln lassen, etwa angesichts von Beschimpfungen von Behinderten, Latinos oder seiner Meinung nach zu dicken Frauen.

"Wir müssen nett und cool sein"

Er selbst hat seine Strategie transparent gemacht: "Wir müssen nett und cool sein, nett und ruhig", sagte er vor zwei Tagen auf einer Wahlkampfveranstaltung in Pensacola, Florida. Anschließend begann er unter dem Gelächter seiner Anhänger, sich selbst Tipps zu geben: "Alles klar, bleib fokussiert, Donald, bleib fokussiert." Er ergänzte: "Keine Ablenkungen, Donald. Nett und locker." Der Mitschnitt von diesem Auftritt ging viral und war Thema in vielen Late Night Shows.

Der Grund, warum Trump nun auf einmal auf "nett und ruhig" macht, ist, dass er tatsächlich eine Chance hat zu gewinnen, wenn auch eine sehr kleine. Die meisten Umfragen sehen zwar weiterhin seine demokratische Rivalin Hillary Clinton vorne, aber nur noch knapp und ihr Vorsprung verringert sich. Ihr machen vor allem die FBI-Untersuchungen in der E-Mail-Affäre zu schaffen. Seitdem diese bekannt wurden, verliert sie an Zustimmung in den Umfragen.  

Clintons Firewall wackelt

Dennoch steuert Clinton weiterhin mit deutlich besseren Chancen auf den Wahltag zu. Doch entschieden ist die Wahl bei Weitem noch nicht. Um die nächste Präsidentin zu werden, muss sie die Mehrheit der Wahlmänner gewinnen. Dafür muss sie auch sechs lange Zeit für sie sicher geglaubte Bundesstaaten gewinnen. Das sind New Hampshire, Pennsylvania, Colorado, Michigan, Wisconsin und Virginia. Gelingt es ihr, diese Staaten zu erobern, dann kann ihr, so sagen es die Meinungsforscher, der Gesamtsieg nicht mehr genommen werden.

Manche Demoskopen sprechen deshalb davon, dass diese sechs Staaten die electoral firewall für Clinton bilden. Fast den gesamten Wahlkampf über ging das Team von Clinton davon aus, diese Staaten sicher zu haben, kaum Werbung wurde geschaltet. Doch einige Bausteine dieser Firewall wackeln inzwischen. So liegt die demokratische Kandidatin etwa in Pennsylvania, New Hampshire und Colorado nur noch einen bis drei Prozentpunkte vor ihrem Rivalen. Den Verlust des einen oder anderen Staates könnte sie verkraften. Selbst eine Niederlage von mehreren könnte sie ausgleichen mit einem anderen Staat, etwa Florida. Aber richtig beruhigt könnte sie sein, wenn sie die sechs Staaten der Firewall gewinnt.

Die von dem amerikanischen Statistiker Nate Silver betriebene Seite FiveThirtyEight sieht aktuell die Wahrscheinlichkeit für einen Clinton-Sieg bei knapp 65 Prozent. Allerdings lag dieser Wert noch vor zwei Wochen deutlich über 80 Prozent. Die Gewinnchancen von Trump liegen entsprechend derzeit bei etwa 35 Prozent. Das bedeutet, er kann gewinnen. Dafür muss er aber noch deutlich zulegen. Vor allem darf er die bereits überzeugten Wähler nicht mehr verprellen. Er muss vielmehr darauf hoffen, dass sich genügend Unentschlossene von Clinton abwenden. Und das dürfte der Grund sein, warum er auf einmal die Kampagnendisziplin für sich entdeckt hat und auf Ausfälle verzichtet.