Siebter Stopp: Toledo. Einwohner: 279.000. Anteil von Einwohnern, die nicht in den USA geboren wurden: 3,4 Prozent. In einer aktuellen Umfrage führt Donald Trump mit fast rund 48 Prozent vor Hillary Clinton mit 43 Prozent. Noch knapp vier Tage bis zur Wahl. Lesen Sie alle Teile der Serie hier.

Wenn Rouda al-Abbas über Syrien spricht, schickt sie ihre fünfjährige Tochter Shahuk aus dem Raum. Ihr Englisch ist noch nicht gut genug, manchmal wechselt sie ins Arabische, das versteht Shahuk gut. Dann bekommt das Mädchen Angst. Mit ihrer Heimat Syrien verbindet sie nur Krieg und Gewalt.

Jetzt ist Toledo ihr Zuhause, vor fünf Monaten ist Familie Al-Abbas hier angekommen. Shahuk geht in den Park, spielt im Büro ihrer Mutter und wird bald in die Vorschule kommen. Wenn ihre Mutter nicht über Syrien spricht, ist die Fünfjährige eine fröhliches, ausgeglichenes Kind. Ihr Pullover ziert ein großes glitzerndes Peace-Zeichen.

Rouda al-Abbas und ihr Ehemann waren nach ihrer Flucht zunächst in Istanbul, dort leben Roudas Eltern. "Istanbul war kein guter Ort für uns, dort gab es keine Hoffnung auf Arbeit und viele Menschen waren sehr negativ", sagt Al-Abbas. Ihre Familie wurde schließlich nach der Registrierung bei den Vereinten Nationen in die USA geschickt.

»Oh Ohio!« – alle Folgen

Das Land wollte bis Ende September dieses Jahres 10.000 Menschen aus Syrien aufnehmen. So hatte es Präsident Barack Obama angekündigt. Doch selbst diese im Vergleich zu Europa geringe Zahl ist noch nicht erreicht. Die Al-Abbas' hatten Glück. Und vielleicht noch etwas mehr Glück, in Toledo im Mittleren Westen zu landen. Roudas Schwester lebt hier, die nach einem Studienaufenthalt einen Amerikaner geheiratet hat. Die Behörden versuchen, Familien möglichst zusammenzubringen. Aber auch fast alle anderen Syrer werden nach Toledo geschickt. Hier finden sie Familiäres in einer fremden Welt.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gibt es in der Stadt ein Viertel, das die Einwohner "Little Syria" nennen, weil dort überwiegend Menschen aus dem Nahen Osten wohnen. Heute leben die Einwanderer auch in den Vorstädten und anderen Nachbarschaften, aber Toledo steht in Ohio für den Nahen Osten.

Corine Dehabey ist eine von ihnen. Ihr Vater ist Syrer, sie selbst ist in den USA geboren. Sie hat in Toledo ihre Wurzeln. Seit drei Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin für US Together, eine Non-Profit-Organisation, die Ende der 1980er Jahre von zwei Flüchtlingen gegründet wurde. Dehabey und ihre Mitarbeiter sind die Anker, die die Ankommenden in den ersten drei Monaten durch den Behördenwahnsinn schleusen. 925 Dollar bekommt jeder Flüchtling von der Regierung als Starthilfe, das Geld verwaltet Dehabey. Davon muss sie für die Familien eine Wohnung finden und sie mit dem Notwendigsten ausstatten. 

Die Vermieter dafür zu gewinnen, an jemanden ohne Arbeit zu vermieten, ist nicht leicht. "Aber ich überzeuge sie einfach, wir brauchen die Wohnungen doch", sagt Dehabey. Flüchtlingsunterkünfte gibt es nicht. Mit falschen Perlen um den Hals sitzt Dehabey in ihrem kleinen, mit Papieren vollgestopften Büro; es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie Überzeugungsarbeit leistet. Aufgeben strahlt die Endvierzigerin nicht aus. Bevor nur noch Syrer ankamen, half Dehabey Afghanen, Irakern, Iranern, Vietnamesen und Menschen aus Burundi bei der Integration.

289 Dollar plus Lebensmittelmarken

Für eine mehrköpfige Familie reicht das Geld für einen Start in der Regel. Aber nicht immer kommen Familien. "Im Sommer hatte ich einen jungen Mann, da gehen allein schon 500 Dollar für eine Wohnung drauf", sagt Dehabey. Kaution nicht eingerechnet. Sie hatte Albträume und 20-Stunden-Tage. Dann fand sich eine WG. Dort lebt der Syrer immer noch, hat einen Job, bezahlt seine Miete.

Nach dem Startgeld erhalten Flüchtlinge acht Monate lang 289 Dollar pro Monat plus Lebensmittelmarken. Ohne Job könnten die meisten Menschen ihre Wohnungen nicht halten. Doch mit dem Einreisestempel bekommen die Flüchtlinge automatisch eine Arbeitserlaubnis.

US Together hat einen Mitarbeiter in Cleveland, der sich nur darum kümmert, für die Geflüchteten Arbeitsstellen zu finden. Da es nicht besonders viele sind, 129 waren es bis jetzt in diesem Jahr, ist die Betreuung intensiv. Jeder Mitarbeiter spricht Arabisch. "Bei mehr als 80 Prozent der Familien, die wir betreuen, arbeitet mindestens ein Mitglied", sagt Dehabey. Oft ist die Aufteilung klassisch. Dehabey versucht, das Muster aufzubrechen. Einer syrischen Näherin, die nicht gerne das Haus verlassen wollte, hat Dehabey eine gespendete Nähmaschine organisiert. So kann sie von zu Hause arbeiten und trotzdem etwas dazu beitragen, dass die Familie klarkommt.