Großbritanniens Premierministerin Theresa May gibt sich nach dem Urteil vom Donnerstag  kämpferisch. In Telefonaten mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte May am Freitagmorgen, sie sei "enttäuscht" über die Entscheidung des High Courts, der zufolge die Regierung in London die Zustimmung des Parlaments einholen muss, bevor sie den Austrittsprozess aus der EU einleiten könnte.

Sie plane weiter, Artikel 50 — mit dem dieser Prozess beginnt — bis Ende März zu aktivieren, erklärte ein Sprecher. May habe Juncker und Merkel zudem gesagt, sie sei "zuversichtlich", dass ihre Regierung die Revision vor dem obersten Gerichtshof gewinnen werde, die vermutlich Anfang Dezember beginnen wird.

Die Brexit-Befürworter des Landes dürften diese Erklärung mit Wohlwollen aufnehmen, hat das Urteil doch unter vielen Leavern für großen Ärger gesorgt. Dieser entlädt sich schon jetzt in einer Welle von Hassbotschaften in den sozialen Medien. Schon während des Verfahrens vor dem High Court berichteten mehrere Kläger und deren Anwälte über Beschimpfungen und Bedrohungen, die bis hin zu Morddrohungen reichten. Nun konzentrieren sich die Hassbotschaften offenbar auf Gina Miller, einer der Hauptklägerinnen.

Ein Nutzer schrieb in der Facebook-Gruppe "Ukip - The peoples forum 2020": "Tötet sie! 2 hinter die Ohren. Und werft sie in den Müll." Ein anderer Facebook-Nutzer verbreitete ein Foto Millers mit einem Hakenkreuz auf der Stirn und rief dazu auf, Miller zu vergewaltigen. Zahlreiche Nutzer äußerten sich abfällig über Millers südamerikanische Herkunft. Ein Twitter-Nutzer schrieb: "Das ist so ein Witz, dass sich Gina Miller, eine südamerikanische Frau, über britische Demokratie beschwert. Lasst sie in ihre Bananenrepublik zurückgehen."

In einem anderen Tweet heißt es: "Ihr ethnischer Hintergrund ist wichtig. Sie hat wenig oder keine Loyalität gegenüber Großbritannien." Ein Facebook-Nutzer rief gar die britische Armee zu einem Militärputsch auf. Eine Sportreporterin in Texas, die ebenfalls Gina Miller heißt, wurde ebenfalls mit Beschimpfungen und Drohungen überzogen.

Zu dieser Stimmung trägt auch die Berichterstattung zahlreicher Medien bei. Auf der Titelseite der rechtskonservativen Boulevardzeitung Daily Mail prangten am Freitag die Fotos der drei Richter, die das Urteil gefällt haben, begleitet von der Überschrift: "Feinde des Volkes". Auf der Webseite des Blatts heißt es in einem Leitartikel, das Urteil komme einem "Putschversuch" gleich, der das Ziel habe, "den Willen des britischen Volks zu stürzen". Selbst der Daily Telegraph hatte am Freitag eine ähnliche Titelseite. Der Titel dort: "Die Richter vs. das Volk".

Ukip macht Stimmung gegen die Richter

Der Daily Express, Sprachrohr der rechtspopulistischen Ukip-Partei, schrieb auf der Titelseite: "Wir müssen raus aus der EU", begleitet von: "Drei Richter haben gestern den Brexit blockiert. Jetzt braucht euer Land Euch wirklich …" Rupert Murdochs Sun hatte auf dem Titel ein Foto von Gina Miller, mit dem Titel: "Wer denkst du, dass du bist?" Die Unterzeile lautet: "Die reiche ausländische Elite verweigert den Willen der britischen Wähler." Zahlreiche Zeitungen — und nicht nur Boulevardblätter — bezeichnen in ihrer Berichterstattung Miller häufig nur als "ehemaliges Model". Dabei leitet sie heute einen Fonds und eine karitative Organisation.


In einem Interview mit dem Guardian sprach sie über ihre Beweggründe. "Ich konnte einfach nicht weiter jede Nacht in meinem Bett liegen und mich fragen, was der Brexit für meine Kinder bedeutet, für die Zukunft, und für alle Menschen", sagte Miller. Zu den persönlichen Angriffen äußerte sie sich nur, indem sie sagte, diese seien in einer "beträchtlichen Zahl" erfolgt. Und fügte hinzu: "Leute, die mich unterstützen wollten, haben das aber eher leise als hörbar gemacht, weil sie Angst hatten."