Zu ihrer großen Siegesfeier hatte Hillary Clinton ihre Unterstützer eigentlich ins Jacob-Javits-Center eingeladen, einer Halle mit riesigem Glasdach im Herzen New Yorks. Sie wollte auf die Decke über sich deuten und zeigen, dass Frauen in den USA nun nichts mehr aufhalte – wenn sie zur ersten Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten gewählt worden wäre. Doch es kam ganz anders.

Am Mittwoch, dem Tag nach der Wahl, betritt Clinton den Ballsaal eines Hotels, ein paar Blocks vom Javits-Center entfernt. Um sie herum jubeln nicht Tausende Fans, wie es geplant war. Nur ein paar Hundert Unterstützer finden sich ein, ihre engsten Mitarbeiter, ihr Mann Bill, ihr Vize Tim Kaine. "Ich weiß, wir haben die Glasdecke noch immer nicht eingerissen, aber eines Tages wird es jemand schaffen – hoffentlich früher, als wir im Moment denken mögen", sagt sie. Und dann: "I’m sorry."

Hillary Clinton hat die Wahl verloren. Donald Trump wird der nächste US-Präsident. Der Ausgang der Wahl in den USA hat Teile der Welt in einen regelrechten Schock versetzt. Clintons Sieg galt vielen als ausgemacht, als sie im April 2015 ihre Kandidatur bekanntgab. First Lady, Senatorin, Außenministerin, sogar Präsidentschaftskandidatin war sie da bereits gewesen. Niemand verfügte in Washington über bessere Kontakte und konnte sich der Unterstützung milliardenschwerer Spender sicherer sein. Aber all das hat nicht gereicht: Clinton hat verloren.

Für die 69-Jährige ist das auch eine persönliche Tragödie. Als sie am Mittwoch von der Bühne steigt, bricht die Anspannung der letzten Monate aus ihr heraus. Sie fällt förmlich in die Arme ihrer Mitarbeiter; in die ihrer Vertrauten Huma Abedin, die sie "meine zweite Tochter" nennt oder in die ihrer Sprecherin Jennifer Palmieri, die ihre diversen Fehltritte so oft gegenüber der Presse kleingeredet hat. Mit jeder weiteren Umarmung entgleitet Clinton die Fassung: Die sonst eiskalte Profi-Politikerin weint – weiß sie doch, was bei dieser Wahl auf dem Spiel stand.

Clinton wird in die Geschichte eingehen

Denn Clinton wird in die Geschichte eingehen. Nicht als erste Präsidentin der USA. Sondern als diejenige, die den Aufstieg Donald Trumps nicht verhindern konnte. Des Mannes, der angekündigt hat, Mexiko zur Finanzierung seiner Grenzmauer zu zwingen. Des Mannes, der die Nato "überflüssig" und die Politik seines Vorgängers "desaströs" nennt. Der damit angibt, sich an Frauen zu vergehen und stolz darauf ist, jahrelang kaum Steuern gezahlt zu haben. Es ist dieser Mann, der nun ins Weiße Haus einzieht. Und es ist Clinton, auf die geschimpft werden wird, sollte Trump seine kruden Ankündigungen je in die Tat umsetzen.

Und trotzdem: "Wir schulden ihm einen offenen Geist und die Chance, zu führen", sagt Clinton in New York. Sie hat Trumps Beleidigungen so lange ausgehalten, hat ihn an ihrer Gesundheit zweifeln, sie der Korruption bezichtigen und ihrem Mann Vergewaltigungen vorwerfen lassen. Jetzt, da die Wahl vorbei ist, wirbt Clinton dafür, ihrem Rivalen die Möglichkeit zu geben, das Land nach diesem vergifteten Wahlkampf zu heilen.

Ihre optimistische, schmerzerfüllte Rede zeigt ein weiteres Mal, wie sehr sie und Trump sich unterscheiden. Hatte der Milliardär kurz vor der Wahl noch angekündigt, das Ergebnis im Fall seiner Niederlage gar nicht erst anzuerkennen, sagt Clinton: "Ich glaube immer noch an Amerika." Ein bemerkenswerter Satz der großen Verliererin.