James Comey ist abgetaucht. Kein öffentliches Statement, keine Pressekonferenz. Einfach verschwunden. Dabei gibt es im Wahlkampf derzeit wohl niemanden, dessen Äußerungen auf so großes Interesse stoßen wie die des FBI-Direktors. Schließlich hat er aus dem Kampf ums Weiße Haus gut eine Woche vor der Wahl noch einmal ein Kopf-an-Kopf-Rennen gemacht. Er weiß das. Und er hält sich bedeckt.

Comeys Brief an den US-Kongress, in dem er die Abgeordneten vergangenen Freitag über das Auftauchen neuer E-Mails in Hillary Clintons Server-Affäre informiert hatte, stellt alle anderen Wahlkampf-Themen in den Schatten. Donald Trumps sexistischen Kommentare, seine Steuerunterlagen, die Diskussion über ein faires Einwanderung-System – all das interessiert kaum noch jemanden. Die entscheidende Frage ist stattdessen: Was steht in den E-Mails, die FBI-Ermittler im Zuge der Ermittlungen gegen den früheren Kongressabgeordneten Anthony Weiner aufgetan haben?

Seit Sonntag arbeiten sich die FBI-Ermittler durch 650.000 neue Dokumente – wie viele davon überhaupt wirklich mit Clinton zu tun haben, ist derzeit nicht klar. Auch wissen die Fahnder noch nicht einmal, ob sie die sichergestellten E-Mails nicht bereits bei Auswertungen im Frühling zu Gesicht bekommen haben. Comey hatte in seinem Brief nur schwammig formuliert, das aufgetauchte Material könne eventuell sachdienlich sein.

Trotz der dünnen Faktenlage ist die Aufregung in den USA riesig. Denn Trump nutzt Comeys nebulöse Andeutungen, um bei noch unentschlossenen Wählern mit seinen düsteren Verschwörungstheorien zu punkten. Bei einem Wahlkampf-Event in Colorado sagte er seinen Zuhörern am Sonntag: "Ihr, die amerikanischen Bürger seid die Opfer dieses korrupten Systems und ihr habt nun eure letzte Chance, das zu ändern." Natürlich weiß Trump genauso wenig wie Comey, ob die E-Mails tatsächlich Aufschluss darüber geben, ob Clinton und ihre Mitarbeiter im Außenministerin Staatsgeheimnisse auf privaten Servern gelagert haben. Doch ist er ein Meister darin, die diffuse Wut der Amerikaner auf die Demokratin zu verstärken. 

Comey hingegen sieht sich seit vergangener Woche mit massiven Vorwürfen konfrontiert. Prominente Demokraten wie der Alt-Senator Harry Reid werfen dem FBI-Direktor vor, geltendes Recht zu brechen, indem er mit seiner Wasserstandsmeldung den politischen Prozess beeinflusse. Tatsächlich hat Comey offenbar gegen eine Richtlinie des Justizministeriums verstoßen, der zufolge staatliche Behörden nicht in die finale Phase des Wahlkampfs eingreifen dürfen. Entsprechend hatten ihm Mitarbeiter der zuständigen Ministerin Lorretta Lynch schon im Vorfeld von der Veröffentlichung seines Briefs abgeraten. Doch Comey hatte ihre Warnung ignoriert. Warum bloß? 

FBI-Direktor von Obamas Gnaden

Der 55-Jährige war selbst lange Mitglied der Republikaner, Präsident George W. Bush diente er als hoher Beamter. 2013 ernannte ihn ausgerechnet Bushs demokratischer Nachfolger Barack Obama zum Direktor des FBI – mit dieser Geste wollte Obama die tiefen Gräben zwischen den beiden Parteien schließen. 

In der republikanischen Partei steht Comey allerdings seit diesem Jahr im Verdacht, seinen politischen Hintergrund vergessen zu haben. Viele in der Grand Old Party reagierten empört, als Comey im Juli die Ermittlungen gegen Clinton für beendet erklärte. Zwar habe sie im Umgang mit vertraulichen E-Mails "extrem fahrlässig gehandelt", doch würde "kein vernünftiger Strafverfolger" aufgrund des vorhandenen Materials Anklage gegen Clinton erheben. Wochenlang schlug ihm daraufhin der Zorn seiner Partei entgegen, unter Trumps Leuten galt er plötzlich als demokratischer Kollaborateur. 

Clintons E-Mail-Affäre stellt Comey seit Monaten vor ein unlösbares Problem. Denn egal wie er mit dem Thema umgeht – die Partei, die am 8. November unterliegt, wird ihn der Sabotage beschuldigen. Sahen sich die Republikaner noch im Juli von Comey unfair behandelt, werfen ihm nun die Demokraten vor, den Ausgang der Wahl kurz vor der Abstimmung zu beeinflussen. Zahlreiche linke Kongress-Abgeordnete fürchten plötzlich um ihre Wiederwahl. Dabei wollte Comey offenbar nur sichergehen, dass ihm im Nachhinein niemand vorwerfen kann, wichtige Details zu den Ermittlungen gegen Clinton aus politischen Gründen zurückgehalten zu haben.

FBI wird bis zum Wahltag nicht alle Mails auswerten können

Comeys Manöver ist in der Geschichte der USA einzigartig. Denn schon jetzt gilt als sicher, dass das FBI es nicht schafft, alle E-Mails bis zum Wahltag auszuwerten. Entsprechend werden die Wähler wohl nicht wissen, ob sie ihre Stimme einer Kriminellen geben – schließlich könnte die aufgetauchte Korrespondenz Hinweise auf Clintons illegale Handhabung streng geheimer Dokumente enthalten. 

Clinton gibt sich dennoch selbstbewusst. "Ich bin sicher, dass sie zur gleichen Schlussfolgerung kommen, wie beim letzten Mal, als sie ein Jahr lang meine E-Mails durchsucht haben – es gibt hier keinen Fall." Ob sie Recht behält, zeigt sich wohl erst nach der Wahl. Für sie geht es jetzt darum, den Wählern Comeys Brief als Petitesse zu verkaufen. Gelingt ihr das nicht, trüge der FBI-Chef eine Mitschuld daran, wenn der nächste Präsident nicht Clinton, sondern Trump heißt.