Es gibt ein YouTube-Video, in dem ein Unbekannter widersprüchliche Aussagen des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer hintereinander montiert hat. Es zeigt Ausschnitte aus Fernsehinterviews und Bierzeltreden. "Ein Bundespräsident muss überparteilich sein", sagt Hofer mit sanfter Stimme, im nächsten Moment proklamiert er unter Applaus des Publikums: "Ich bin kein überparteilicher Kandidat, sondern ein Freiheitlicher durch und durch."

FPÖ-Vize Norbert Hofer will sich in der Wiederholung der vom Verfassungsgerichtshof aufgehobenen Stichwahl durchsetzen gegen den liberalen Kandidaten, den früheren Wirtschaftsprofessor und langjährigen Grünen-Chef Alexander Van der Bellen. Beide Kandidaten wollen das Amt des Bundespräsidenten aktiver gestalten als bisher üblich.

Elf Monate dauert der Wahlkampf um das höchste Amt in Österreich bereits, inzwischen hat Großbritannien den Brexit beschlossen und Donald Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt. Am Sonntag wird entschieden, ob Österreich dem populistischen Trend folgt oder ihm knapp entgeht.

Vor allem bis zur ersten Wahl im April beleidigte Hofer seinen Konkurrenten oft persönlich, er nannte ihn einen "faschistischen grünen Diktator" und bezeichnet ihn nach wie vor als Kommunisten. Inhaltliche Diskussionen vermeidet er meist. In einer unmoderierten Fernsehdiskussion stellte Hofer eine Wasserflasche auf den Tisch und unterbrach Van der Bellen: "Reden Sie mit der Flasche, die redet nicht zurück, das ist sicher spannender", sagte er. Die Strategie der Provokation und Polemik vermitteln die Freiheitlichen in internen Fortbildungskursen, wie die österreichische Wochenzeitung Falter berichtete.

Ein Satz Norbert Hofers aus einem Fernsehinterview ist liberalen Bürgern im Gedächtnis geblieben: "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist", sagte dieser im April in einer Fernsehdiskussion. Als Bundespräsident wolle er sich mehr als bisher üblich in die Tagespolitik einmischen.

Der Präsident darf in Österreich die Regierung entlassen

Und möglich ist tatsächlich einiges. Anders als in Deutschland räumt die Verfassung dem österreichischen Bundespräsidenten, der auf sechs Jahre gewählt wird, weitreichende Rechte ein: Er ist nicht nur Oberbefehlshaber der Armee und kann ohne Bindung an einen Vorschlag den Bundeskanzler ernennen, der anschließend eine Regierungsmehrheit suchen muss. Er kann auch seine Unterschrift unter Staatsverträge verweigern, selbst wenn diese verfassungsgemäß zustande gekommen sind. Das ist bisher nicht geschehen, doch könnte die zukünftige Praxis anders aussehen: Hofer hat angekündigt, Freihandelsverträge wie Ceta nicht zu unterschreiben, auch wenn das Parlament zustimmt. In Österreich kritisieren wie in Deutschland viele Rechte und Linke den Freihandelspakt. Auch Van der Bellen will Ceta deshalb "sorgsam prüfen" und erwägt, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Dass der Bundespräsident dieses Recht hat, kritisierte sogar Ex-Präsident Heinz Fischer. Bei dieser verfassungsrechtlichen Bestimmung bestehe der größte Nachdenkbedarf.