Der linke Kandidat Alexander Van der Bellen hat die Bundespräsidentenwahl gewonnen. Und trotzdem: Noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Rechten in Österreich so stark. Immerhin 48,32 Prozent, also fast jeder zweite Wähler, haben nach vorläufigem Endergebnis (ohne Briefwahlstimmen) für den Populisten Hofer gestimmt. Die FPÖ ist in den Umfragen derzeit mit über 30 Prozent die bundesweit stärkste Kraft. Wie konnte es dazu kommen?

1. Die ewige große Koalition macht die Populisten stark

In Österreich hat sich das politische Patt zwischen den etablierten Parteien und den Rechtspopulisten zementiert. Die viel beschriebene Krise der repräsentativen Demokratie ist in Wien zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Weil die FPÖ stark ist, bleibt als einzige Regierungsmehrheit eine große Koalition aus SPÖ und ÖVP, die in Österreich seit dem Krieg 20 von 29 Bundesregierungen gebildet hat. Gleichzeitig sind die beiden Parteien untereinander ständig zerstritten und bringen wenig zustande. Der Verdruss der Wähler darüber kommt wiederum der FPÖ zugute.

Da jede der beiden regierenden Parteien auf die andere angewiesen ist, lassen sich nur Kompromisslösungen durchsetzen, was als Dünger für die Neue Rechte wirkt: "Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien bieten eine Variante derselben Politik an", sagt die linke Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe. "Das bewirkt einen Konsens der Mitte, der den Menschen keine echte Wahl zwischen Alternativen lässt." Wenn sich Konservative und Sozialdemokraten wechselseitig an der Macht halten, sind in den Augen vieler Wähler die Rechtspopulisten der FPÖ die einzige Alternative.

Dazu kommt: Die große Koalition funktioniert nicht, sondern blockiert sich ständig selbst. In den entscheidenden Zukunftsfragen stehen sich SPÖ und ÖVP diametral gegenüber. Seit Jahren scheitern große Reformen. Selbst der optimistische neue Kanzler Christian Kern musste das kürzlich feststellen: Von einer umfassend geplanten Reform der Gewerbeordnung blieben am Ende kleine Änderungen. Die Regierung verpackte den Kompromiss dennoch als großen Fortschritt. Auch deshalb standen sich in der Präsidenten-Stichwahl zum ersten Mal überhaupt zwei Oppositionskandidaten gegenüber. Das Misstrauen gegen das politische System ist riesig.

2. Die Grenze des Sagbaren liegt höher – der Opfer-Mythos nach 1945

Wer sich mit Rechtspopulismus in Österreich beschäftigen will, kommt nicht am runden, rotbackigen Gesicht mit dem schlecht gestutzten Oberlippenbart des Herrn Karl vorbei. Eine Stunde lang lässt der Wiener Kabarettist und Schauspieler Helmut Qualtinger 1961 seine Kunstfigur saufend, schmatzend und butterbrotkauend über den Aufstieg des Faschismus im Wien der 1930er Jahre monologisieren. Karl ist das Abziehbild des österreichischen Kleinbürgers der Zeit – und sich selbst keiner Schuld bewusst: "Bis '34 war i Sozialist. (…) Dann bin i zu die Nazi, zu die damaligen, da hob i a 5 Schilling kriagt. No jo, Österreich war immer unpolitisch, mia san ja keine politischen Menschen."

Qualtinger rüttelte mit seinem Stück am Selbstbild der Österreicher und hielt seinen Landsleuten den Spiegel vor: "Na, dann ist eh der Hitler kummen", erinnert sich der Herr Karl. "Das war eine Begeisterung, ein Jubel wie man sich's überhaupt nicht vorstellen kann, nach diesen furchtbaren Jahren, nach diesen traurigen Jahren!"

Viele Österreicher sahen sich nach dem Zweiten Weltkrieg als "erstes Opfer" des Verführers Hitler. Die Nachkriegsrepublik vertrat diese Geschichtslüge, Kinder lernten sie in der Schule. Die sogenannte Opferthese bestimmte das Geschichtsbild Österreichs bis in die 1980er Jahre. Vom eigenen Antisemitismus, Autoritarismus und Bellizismus wollte man nach '45 nichts mehr wissen. Dabei wurde Österreich schon vor dem sogenannten Anschluss faschistisch regiert.

Erst knapp ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende bekannte sich der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky zu einer Mitschuld Österreichs an den Nazi-Gräueln. "Über eine moralische Mitverantwortung für Taten unserer Bürger können wir uns auch heute nicht hinwegsetzen", sagte er 1991 im Parlament.

Solche Äußerungen haben nichts daran geändert, dass Schuldbewusstsein und Tabus im Nachbarland bis heute nicht so ausgeprägt sind wie in Deutschland. FPÖ-Übervater Haider lobte einmal die "ordentliche Beschäftigungspolitik" im Dritten Reich und "charakterlich anständige" SS-Männer, die zu ihren Überzeugungen trotz Gegenwinds gestanden hätten. Auch weil der österreichische Populismus keine Obergrenze für Demagogie kennt, und sich nie zu schade ist, die niedersten Instinkte anzusprechen, ist die FPÖ erfolgreich. Ein Trend der sich auch in den Boulevardmedien fortsetzt und verstärkt.