Diese Wahl war ein Volksaufstand mit den Mitteln der Demokratie. Selten haben Wähler dem politischen Establishment eine derartige Ohrfeige verpasst. Die Medien, die Experten, die Umfragen – alle hatten einen Wahlsieg von Hillary Clinton kommen sehen. Ach was, einen Sieg, einen Triumph! Die letzten Prognosen lauteten, Clinton werde mit mehr als achtzigprozentiger Sicherheit gewinnen. Wie konnten sich alle nur so täuschen?

Auf die gleiche Weise, wie das Establishment seit Jahren die Stimmung im Land jenseits der Metropolen mit Yogastudios und veganen Restaurants ignoriert hat. Bis zuletzt haben sich diese Leute geweigert, in Donald Trump etwas anderes als einen Clown zu sehen. Die Furcht vor seinem Aufstieg versuchten sie zu bannen, indem sie endlos Witze auf seine Kosten rissen – über den Selbstbräuner im Gesicht, die blumig-aufgeblasenen Formulierungen und vor allem: dieses Haar! Viel zu sehr sahen sie den Reality-TV-Star als das Problem – und nicht die Tatsache, dass ein immer größerer Teil der Amerikaner verunsichert und frustriert ist.

Es sagt viel über die selbst erklärte politische Elite aus, dass die Wähler sich von einem Milliardär aus New York besser verstanden fühlten, als von einer Berufspolitikerin und Selfmadefrau aus dem Kleinbürgertum. Clinton bezeichnete Trumps Anhänger bei einer Wahlveranstaltung als bedauernswerte Rassisten und Sexisten einerseits und bemitleidenswerte Verlierer andererseits. Das war entlarvend – für sie. 

Dass sich die weiße Arbeiterschicht, zumal die Männer, die einst die Parteibasis der Demokraten war, abwandte, schien weder die Kandidatin, noch die Partei zu stören. Lieber zählte sie auf eine Regenbogenallianz aus Schwarzen, Hispanics und Jungen, die Barack Obama zweimal ins Weiße Haus gebracht hatte. 

Doch vor allem die jungen Schwarzen wollten dieses Mal nicht das Stimmvieh sein, das alle vier Jahre mit Versprechen auf Besserung vertröstet wird. Sie wählten zwar nicht Trump, aber Clinton mochten sie ihre Stimme auch nicht geben. Selbst 30 Prozent der Hispanics, die von Trump als "Vergewaltiger und Kriminelle" verunglimpft worden waren, haben ihm laut Wählerbefragungen vom Dienstag ihre Stimme gegeben. Viele Junge, die Bernie Sanders und seiner "Revolution" begeistert gefolgt waren, fühlten sich verprellt durch die Art, wie Clintons parteiinterner Rivale abserviert wurde. Clinton ist es also nicht einmal gelungen, all diese Gruppen ausreichend für sich zu gewinnen. 

Viel ist geschrieben worden über den Kollaps der republikanischen Partei. Fast unbemerkt geblieben sind dabei die Ermüdungserscheinungen bei den Demokraten. Eine Vision für Amerika hatte weder Clinton noch ihre Partei.

Die Weißen haben noch einmal aufbegehrt

Bei dieser Wahl aber ging es um die Zukunft Amerikas und darum, wem sie gehören soll. Die weiße Arbeiterschicht, die vergeblich auf die Rückkehr ihrer gut bezahlten Jobs wartete und die sich kulturell immer mehr als white trash ins Abseits gedrängt fühlte, sah die Wahl Trumps als die letzte Chance, ihren Status zurückzugewinnen. Das bedeutete für sie Trumps Slogan Make America great again. Das bedeutete für sie die Mauer gegen Mexiko und sein Versprechen, Millionen illegale Einwanderer abzuschieben

Die demographischen Veränderungen mögen unausweichlich sein. Bis 2055 werden die Weißen in den USA eine Minderheit sein, wenn auch eine starke. Selbst ein vollständiger Einwanderungsstopp würde nur den Zeitpunkt hinauszögern. Und die weiße Minderheit wird im Schnitt deutlich älter sein als andere Minderheiten.

Für viele war Präsident Obama das sichtbare Zeichen dieses Wandels. Furcht beschleiche weiße Amerikaner mit Blick auf die Zukunft ihres Landes, schreibt Ross Douthat, konservativer Kolumnist der New York Times. Diese Zukunft werde zunehmend Menschen gehören, die ihnen kulturell fremd seien. "Erben, die nicht ihre natürlichen sind", wie es Douthat formuliert. Wer ein solches Unbehagen zum Ausdruck bringt,  wird in den USA schnell als Rassist abgestempelt. Mit der Wahl Trumps haben die Weißen noch einmal aufbegehrt.