Es geht hier also um ein fundamentales Verfassungsprinzip. Die Regierung will jetzt beim Supreme Court Berufung einlegen. Der soll sich noch im Dezember mit der Sache befassen; ein Urteil ist im Januar zu erwarten. Indessen ist es so gut wie unvorstellbar, dass das oberste Gericht das Prinzip der parliamentary sovereignty und damit den Primat der Volksvertretung nicht bejaht. Was dann?

Theresa May hat sich bisher mit ihrem Mantra "Brexit means Brexit" begnügt und sie hoffte, das Parlament bei ihrem weiteren Vorgehen außen vor lassen zu können. Doch genau welche Art von Ausstieg gemeint ist, ergab sich aus der Volksabstimmung keineswegs; "Artikel 50", "Handel" oder "Einwanderung" kamen in den elf Worten der Referendumsfrage überhaupt nicht vor. Wie viel Einwanderung darf sein? Wie viel Binnenmarkt und Zollunion darf bleiben? Hard Brexit oder soft Brexit? Diese Fragen bedürfen der gründlichen Diskussion in Westminster. Die Regierung kann die Antworten nicht großmächtig diktieren. Sie muss das Parlament einbeziehen.

Monatelange Verzögerungen könnten der Regierung schaden

Das wird an der Grundsatzentscheidung für den Austritt, den 17 Millionen befürwortet haben, schwerlich etwas ändern. Aber auf jeden Fall werden die Modalitäten des Austritts vom Parlament mitbestimmt werden.

Die Frage ist: Kann Theresa May unter diesen Umständen das von ihr angestrebte Datum für die Antragsstellung – Ende März 2017 – einhalten oder wird es monatelange Verzögerungen geben?

Das wird entscheidend davon abhängen, auf welches Verfahren sich Regierung und Parlament einigen. Begnügt man sich mit einer einfachen Resolution, die May grünes Licht für die Antragstellung in Brüssel gibt? Oder werden die Abgeordneten durchsetzen, dass Leitlinien für die Ausstiegsverhandlungen in einem Stück primary legislation ihren Niederschlag finden einem vollständigen Gesetzesakt also, der im House of Commons drei Lesungen durchläuft und auch im House of Lords angenommen werden muss? Für die Regierung hätte dies einen doppelten Nachteil: Einerseits könnte die Ausarbeitung des Gesetzes mehrere Monate dauern, andererseits können die MPs und die Lords ihre Zustimmung von Zusatzbedingungen abhängig machen.

Noch ist nicht abzusehen, worauf es am Ende hinausläuft. Sicher ist nur, dass die Phase der Ungewissheit, wie es wann weitergeht, nicht so schnell beendet wird. Es wird ja auch schon diskutiert, ob das Parlament – dieses oder das nächste – nicht auch über das Ergebnis der Verhandlungen mit der EU befinden muss. Und sogar die pikante Idee ist bereits zu hören, dass solange das Vereinigte Königreich noch EU-Mitglied ist, notfalls auch der Europäische Gerichtshof als letzte Entscheidungsinstanz angerufen werden könnte.

"Aus Theresa May kann jetzt gut und gerne Theresa Maybe werden, die Regierungschefin des Vielleicht", schreibt Thomas Kielinger, der langjährige Londoner Korrespondent der Welt. Uns bleibt da nur, ihr Einsicht zu wünschen und die Daumen für eine möglichst verträgliche Scheidungsregelung zu drücken.