Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Oppositionszeitung Cumhuriyet, Can Dündar, hat die Reaktion der Bundesregierung auf die Verhaftungen in der Türkei kritisiert. "Die Reaktion der deutschen Regierung war wirklich schwach. Auch im Vergleich mit anderen westlichen Partnern der Türkei, wie etwa der Reaktion der USA", sagte Dündar der Welt. Man habe die Verhaftungen nicht einmal verurteilt. "Besorgt sein hilft uns türkischen Journalisten nicht."

Von den europäischen Regierung erwartet Dündar ein klares Signal für die Demokratie in der Türkei. "Seit Jahren sind die Europäer dauernd besorgt. Aber das ändert nichts", sagte Dündar, der im Exil in Deutschland lebt. Der türkische Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fürchte kritische Medienberichte im eigenen Land. Die Sorge der Bundesregierung sei ihm dagegen offenbar ziemlich gleichgültig.

Die türkische Polizei hatte am Montag 13 Mitarbeiter von Cumhuriyet, darunter auch Chefredakteur Murat Sabuncu, wegen angeblicher Unterstützung einer terroristischen Organisation festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Zeitung vor, die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen unterstützt zu haben. Die Redaktion wies die Vorwürfe entschieden zurück und kritisierte die Festnahmen als rechtswidrig.

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert hatte daraufhin in Berlin gesagt: "Die Bundesregierung hat wiederholt – und das will ich hier auch noch einmal tun – ihrer Sorge Ausdruck gegeben über das Vorgehen gegen Presse in der Türkei und gegen Journalisten in der Türkei." Pressefreiheit sei "zentral für jeden Rechtsstaat".   

Deutlichere Worte fand der Vize-Präsident des EU-Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff. "So wird es auch 2017 nichts mit der Visafreiheit. Das ist dann allein die Schuld von Präsident Erdoğan", sagte FDP-Politiker der Bild-Zeitung. Der EVP-Abgeordnete Herbert Reul zeigte sich ebenfalls skeptisch. "Wenn Erdoğan so weitermacht, rückt die Visafreiheit in weite Ferne."

Can Dündar - "Ich habe eine Art digitalen Detox erlebt" Der ehemalige Chefredakteur der "Cumhuriyet" wurde wegen Spionage inhaftiert. Über die Probleme, im Gefängnis ein Buch zu schreiben, sprach er mit Christoph Amend.