Der Chef der drittgrößten Partei der Türkei, der HDP, befindet sich nun in Untersuchungshaft. Ein Gericht in Diyarbakır erließ einen Haftbefehl gegen Selahattin Demirtaş, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Auch gegen Fraktionschef İdris Baluken liegt ein Haftbefehl vor.

Beide gehören zu den zwölf HDP-Politikern, die in der Nacht festgenommen worden waren. Ihnen wird vorgeworfen, Propaganda für die verbotene Partei PKK betrieben zu haben. Die HDP warnte in einer Reaktion vor dem "Ende der Demokratie in der Türkei" und bat um internationale Unterstützung.

Auch die konkurrierende Partei CHP erklärte ihre Besorgnis: Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu sagte, die Türkei bewege sich "in eine gefährliche Richtung". Die CHP ist eine kemalistische Partei, steht also in der Tradition des laizistischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. In der Vergangenheit hatte sie das harte Vorgehen der Regierung gegen die Kurden immer wieder unterstützt. Wer durch Wahlen ins Amt gekommen sei, solle auch nur durch Wahlen abgesetzt werden, sagte Kılıçdaroğlu. Ein Stellvertreter Kılıçdaroğlus sagte, das Vorgehen sei nicht nur ein Putsch, sondern hätte auch den Zweck, das Land zu spalten.

Die PKK, die auch verdächtigt wird, hinter dem Anschlag am Morgen zu stehen, drohte mit weiterer Gewalt: "Hier hören die Worte auf", hieß es in einer Verlautbarung, die von der PKK-nahen Agentur Firat verbreitet wurde. "Heute ist der Tag, sich zu erheben gegen diejenigen, die die Existenz der Kurden auslöschen wollen." Weiter hieß es: "Alle Kurden und alle demokratischen Kräfte sollten sich jetzt auflehnen und Widerstand leisten. Die Jugend, die Frauen und alle Kurden sollten der AKP-Regierung zeigen, dass der kurdische Wille nicht gebrochen werden kann. Heute ist der Tag für Widerstand."

In Deutschland reagierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit der Einbestellung eines hohen Diplomaten, dem türkischen Geschäftsträger. "Die nächtlichen Festnahmen von Politikern und Abgeordneten der kurdischen Partei HDP sind aus Sicht des Außenministers eine weitere drastische Verschärfung der Lage", hieß es zur Begründung. Steinmeier sagte: "Die Verantwortlichen müssen sich jetzt klar darüber sein, welchen Weg sie einschlagen wollen und was das für die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU bedeutet."

Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ von ihrem Sprecher Steffen Seibert ausrichten, sie halte die Vorgänge für "in höchstem Maße alarmierend". Mit denselben Worten hatte die CDU-Chefin persönlich bereits am Mittwoch auf das Vorgehen Ankaras gegen die Oppositionszeitung Cumhuriyet reagiert. Seibert sagte weiter, die Bundesregierung stehe den Festnahmen "ablehnend und missbilligend" gegenüber. Zugleich verurteilte er im Namen der Bundesregierung den neuen Anschlag in der Türkei "aufs Schärfste". Er sagte weiter: "Welche Begründung auch immer die Täter heranziehen, sie zeigen nur ihre Grausamkeit."

Nach den Festnahmen schränkten die türkischen Behörden den Zugang zum Internet ein. In den Kurdengebieten waren soziale Medien und WhatsApp nicht erreichbar. Ministerpräsident Binali Yıldırım sagte, es handele sich um eine "vorübergehende Maßnahme", die "aus Sicherheitsgründen" angeordnet worden sei. "Sobald die Gefahr vorbei ist, wird alles wieder normal funktionieren."