Es gibt einen neuen Witz, den sich viele Türken dieser Tage zurufen: "Herr im Himmel, zum Glück war der Putschversuch nicht erfolgreich – was wäre dann wohl alles passiert!" Manchmal hilft wohl nur Sarkasmus.

Dabei hätte auch vieles anders verlaufen können. Hätte. Es mag heute merkwürdig klingen, aber der Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli, als dessen Drahtzieher die türkische Regierung von Beginn an die Bewegung des in den USA lebenden islamischen Geistlichen Fethullah Gülen ausgemacht hat, bot eine kleine Chance, das Land zu befrieden.

Die Türkei vor dem 15. Juli war bereits ein traumatisiertes und tief gespaltenes Land. Ein Land, in dem die Regierung immer autoritärer gegen alle Kritiker und Oppositionsparteien vorging, besonders gegen die prokurdische HDP; in dem der "Islamische Staat" und die PKK in den Städten Anschläge verübten; in dessen Südosten sich staatliche Sicherheitskräfte und Anhänger der PKK monatelang einen Häuserkampf lieferten und beide Seiten wenig Rücksicht nahmen auf die Zivilbevölkerung; in dem der Staatspräsident, eigentlich per Verfassung zu politischer Distanz verpflichtet, täglich verbal zur Attacke aufrief und damit die Verfassung missachtete.

Ausgerechnet aus der Katastrophe des Putschversuches hätte in dieser Situation etwas Gutes erwachsen können. Nach all dem Druck und dem Schmerz über Tod und Leid in den Monaten zuvor. Die Tage nach dem 15. Juli boten die Möglichkeit zur Rückbesinnung auf jene Entscheidungen und Schritte, die die Türkei Anfang der 2000er Jahre gewagt hatte: zu mehr Öffnung und Demokratie – um des Friedens willen. Ja, das wäre auch jetzt wieder möglich gewesen. Schließlich hatten viele Menschen, ob Anhänger des Präsidenten oder nicht, gezeigt, dass sie genug haben von Staatsstreichen, die sie jedes Mal wieder in eine dunkle Zeit führten. Jede Generation aufs Neue. Staat und Regierung hätten versuchen können, nicht nur wieder für Ordnung zu sorgen, sondern auch für ein bisschen Frieden. Die Regierung hätte sagen können: So geht es nicht weiter. Verachtung und Spaltung zwischen den Gruppen und Milieus zu fördern bringt vielleicht kurzfristig Stimmen, aber auf lange Sicht nur Probleme.

Aber die Regierung hat sich anders entschieden, das lässt sich nach dreieinhalb Monaten konstatieren. Sie setzt auf Verhärtung. Der Staatspräsident ist zu alter Form zurückgekehrt, eine Art Dauerwahlkampf, es ist seine Bestform. Der politische Gegner wird zum Feind erklärt, Selbstkritik gibt es so gut wie nicht. Überhaupt, die ständig wiederholte Klage über Feinde und Gefahren, der vermeintlichen und der tatsächlichen, der inneren und äußeren, scheint ein Band zu sein, das Präsident und Anhänger zusammenhält wie nichts anderes. Rückbesinnungen auf das osmanische Erbe sind zum Teil der Außenpolitik geworden. Ob diese imperialen Ansprüche tatsächlich die Außenpolitik bestimmen, sei dahingestellt. Von "dem" Westen verbittet man sich Kritik oder Lektionen in Demokratie. 

Was soll Merkel denn sagen?

Die Regierung sagt: Dieser Westen stand während und nach dem Putschversuch nicht ehrlich an unserer Seite – schöne Demokraten seid ihr! Das mag stimmen. Aber um es mit den Worten des Intellektuellen Murat Belge zu sagen: "Was soll Merkel angesichts der Bilder von Menschen sagen, deren Nasen und Beine gebrochen waren, über die der Justizminister sagt, das habe nichts mit Folter zu tun? Was würde die deutsche Gesellschaft dazu sagen, wenn sie in unser Land käme, um uns alles Gute zu wünschen?"

Außerdem, so die Sicht der türkischen Regierung, habe der Umgang mit den Flüchtlingen gezeigt, wie heuchlerisch es in Europa zugehe. Und das Lob, wie toll die Türken die Flüchtlingskrise in ihrem Land bewältigten, empfindet man hier als Abfälligkeit.

Und immer geht es um die Wahrung der Einheit des Landes. Volk und Führung müssen gemeinsam gegen die Spaltungsversuche angehen.