Die Verliererin der US-Präsidentschaftswahl Hillary Clinton wird nach Abschluss der Auszählungen voraussichtlich um etwa zwei Prozent und mehr als zwei Millionen Stimmen vor Donald Trump liegen. Das wäre ein größerer Abstand, als ihn viele Wahlsieger für sich verbuchen konnten, darunter John F. Kennedy. Mit Trump hat nach George W. Bush zum zweiten Mal in 16 Jahren der Kandidat gewonnen, der weniger Stimmen bekam, weil er wegen des mehrstufigen Wahlrechts dennoch mehr Wahlmänner auf sich vereinen konnte. Trump selbst hat 2012 das Electoral College, wie das Wahlmännergremium genannt wird, als "Desaster für die Demokratie" bezeichnet. Jetzt wählt ihn eben dieses zum Präsidenten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Wahlen so ausgehen, steigt.

Der Grund dafür ist eine Kombination aus US-amerikanischem Mehrheitswahlrecht und demografischem Wandel, auf den die Demokraten seit Barack Obama so viele Hoffnungen setzen. Die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft ändert sich in den USA rasant. Hispanics, Afroamerikaner und andere Minderheiten werden in 30 Jahren die weiße Noch-Mehrheit zahlenmäßig überholt haben. In Kalifornien stellten sie schon dieses Jahr die Mehrheit: Laut CNN waren 52 Prozent der dortigen Wähler nicht weiß, 2012 waren es noch 44 Prozent. Und all diese Minderheiten wählen bisher potenziell mit großer Mehrheit demokratisch. Für den Wahlausgang entscheidend ist aber nicht ihre Zahl allein, viel wichtiger ist, in welchen Bundesstaaten sich die Demografie wandelt. Und wie stark sich Minderheiten an Wahlen beteiligen.

Kurz gesagt: Donald Trump hatte zwar weniger Wähler, aber die wichtigeren: Nämlich solche, die in Swing States den Ausschlag geben.

Um das besser zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf das Wahlsystem der USA. Dieses verzerrt den Wählerwillen auf zwei Arten: Erstens wählt das amerikanische Volk seinen Präsidenten nicht direkt, sondern über einen Zwischenschritt, die genannten Wahlmänner. Diese sind aber nicht genau proportional zur Bevölkerung auf die Bundesstaaten verteilt, sondern sind in kleineren Bundesstaaten überrepräsentiert. Dort steht ein Wahlmann für weniger Menschen als in bevölkerungsreichen Staaten – damit wiegt die Stimme von Wählern in kleineren Staaten mehr. Und zweitens vergeben 48 von 50 Staaten (die Ausnahmen sind Maine und Nebraska) ihre Wahlmänner geschlossen an den Wahlsieger, statt sie im Verhältnis des Wahlergebnisses aufzuteilen. Besonders Letzteres kann zu einem ernsten Legitimitätsproblem für die Demokratie werden: Dann, wenn sich die Höhe des Wahlsieges der Kandidaten in den Bundesstaaten stark unterscheidet, wird die Regierung des Volkes zu einer Regierung eines Ausschnitts des Volkes.

Die Hauptursache für dieses Dilemma ist zugleich der wichtigste Grund für Donald Trumps überraschenden Wahlsieg, der nur möglich wurde, weil der popular vote, also die Mehrheit der Wählerstimmen, und das Mehrheitsverhältnis im Electoral College nicht übereinstimmen. Viele weiße Arbeiterfamilien im Mittleren Westen, die zweimal Obama unterstützt hatten, haben in diesem Jahr Trump gewählt. Sie haben die Wahl zugunsten des Republikaners entschieden, weil sie in Swing States gewählt haben und dort eine knappe Mehrheit für Trump sicherten, in Staaten also, die wegen eines voraussehbar engen Rennens besonders umkämpft waren.

US-Wahl - Die Zeit bis zum Amtswechsel Nach den Wahlen beginnt in den USA eine Übergangszeit. Der Prozess ist aufwändig und teuer, für das Land ebenso wie für den künftigen Präsidenten. © Foto: Doug Mills, AFP/Getty