Auch Hispanics können Trump lieben

Zurückhaltung ist nicht gerade Donald Trumps Stärke. In seinem Wahlkampf hat er viele Menschen beleidigt, unter anderem Muslime und Frauen. Besonders hart traf es aber die Hispanics. Den ganzen Wahlkampf über reihte Trump eine Unverschämtheit an die nächste. Er begann mit einer Pauschalbeleidigung aller Mexikaner, die ins Land kommen. Es handle sich ausschließlich um Kriminelle, Drogendealer und Vergewaltiger, behauptete Trump. Dann folgten seine Pläne, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten – und dafür den mexikanischen Staat zahlen zu lassen.

Später unterstellte Trump dem Richter Gonzalo P. Curiel, er wäre kein richtiger Amerikaner, da seine Eltern in Mexiko geboren sind. Die hispanische Schönheitskönigin Alicia Machado nannte er "Miss Piggy" und "Miss Housekeeping". Zugleich kündigte er eine rigide Einwanderungs- und Ausweisungspolitik an. Millionen Kinder, die aus Lateinamerika illegal ins Land gekommen sind und von Präsident Barack Obama einen Schutzstatus erhalten haben, müssen um ihr Bleiberecht fürchten.

Rational betrachtet gab es für die Hispanics also gute Gründe, nicht für Trump zu stimmen. Sowohl Hillary Clinton und ihr Team als auch Wahlbeobachter hatten sie deshalb als eine entscheidende Gruppe ausgemacht, um den Demokraten den Sieg zu sichern.

Doch Rationalität spielte bei dieser Wahl keine große Rolle. Am Ende gaben nicht wie erwartet mehr Hispanics ihre Stimme ab als vor vier Jahren, sondern ungefähr gleich viele. Ihr Anteil machte laut Nachwahlbefragungen 11 Prozent aus.

Von ihnen wählten wiederum knapp 30 Prozent Trump – Mitt Romney, der sich vor vier Jahren im Rennen gegen Obama aktiv um Hispanics bemüht hatte, bekam damals weniger Stimmen. "Trumps Gewinn von hispanischen Wählern in Florida (…) hat ihm wahrscheinlich geholfen, diesen entscheidenden Staat für sich zu gewinnen", schreiben die Analysten von FiveThirtyEight zu den Daten der Wahlnachbefragung.

Unter Hispanics gibt es nicht ein wahlentscheidendes Thema

Doch wieso stimmten überhaupt Hispanics für Trump? Der Grund ist, dass es die Hispanics nicht gibt. Vielmehr haben die Mitglieder der Minderheit unterschiedliche Ansichten, Vorstellungen und Biografien, wie eine Untersuchung des Pew Research Centers zeigt. Die mehr als 55 Millionen Hispanics in den USA sind demnach keine homogene Gruppe. Zwei Drittel der von Pew Befragten gaben an, dass es innerhalb ihrer Bevölkerungsgruppe viele unterschiedliche Kulturen gebe.

Aufgrund dieser Diversität gab es unter den Hispanics im Wahlkampf auch kein entscheidendes Thema. Die Einwanderungspolitik etwa interessierte nicht jeden: Wer sein Leben in den USA etabliert hat, dort geboren ist und wenige Kontakte in die alte Heimat der Familie hat, mag sogar eine restriktivere Einwanderungspolitik befürworten. Zudem wiegt bei vielen die Angst vor Überfremdung oder Jobverlust schwer. 47 Prozent der Hispanics sehen sich laut Pew als typisch amerikanisch. Das könnte die Toleranz gegenüber den Ausfällen von Donald Trump erklären.

"Viele von uns sind Mittelschicht"

Auf Facebook gibt es Gruppen für Hispanics, die Trump unterstützt haben. "Ich habe als mexikanischstämmiger Amerikaner für ihn gestimmt und gegen Korruption und Lügen", schreibt Water Drago Nunez, der Mitglied einer solchen Gruppe ist.

So wie Trump nicht alle weiblichen Wähler mit seinen Aussagen im Wahlkampf verschreckt hat – 62 Prozent der weißen Wählerinnen ohne Universitätsabschluss gaben ihm ihre Stimme –, haben auch hispanische Wähler in ihm eine echte Alternative zu Clinton gesehen. "Viele von uns sind Mittelschicht", schreibt die Trump-Befürworterin Dianne Petersen-Maor auf Facebook. Clinton dagegen habe sie pauschal als "Latino-Minderheit" eingeordnet.

Die Hispanics haben Trump zwar nicht zum Sieg verholfen, und sie haben Clinton nicht allein den Sieg gekostet. Wichtig und unvorhersehbar waren sie aber trotzdem. Das wird so bleiben: Die Wählergruppe wächst beständig, gerade für Demokraten werden die Hispanics eine entscheidende Zielgruppe bleiben. Weder Liberale noch Konservative sollten erneut den Fehler machen, Hispanics in ihrer politischen und kulturellen Vielfalt undifferenziert anzusprechen.