Seit Jahren richten sich die Demokraten strategisch an einer demografischen Entwicklung aus, die das Land in Zukunft grundlegend verändern wird: Im Jahr 2060, sagen Wissenschaftler, werden weniger als die Hälfte der US-Amerikaner Weiße sein. Denn die Population der Asiatischstämmigen und der Schwarzen, vor allem aber die der Hispanics wächst. Die Demokratische Partei bemüht sich deswegen um Vielfalt in ihren Gremien, um nicht-weiße Kandidaten und berücksichtigt in ihren Programmen die Interessen der ethnischen Minderheiten. Hillary Clinton wählte wohl auch deshalb Tim Kaine als ihren Stellvertreter aus, weil er einige Monate in Honduras arbeitete und gut Spanisch spricht.

Bei dieser Wahl könnte sich diese Strategie für die Demokraten erstmals auszahlen. Denn die Stimmen der Hispanics könnten tatsächlich entscheidend sein. "Donald Trump hat eine Mauer gebaut", schreibt das Meinungsforschungsinstitut Latino Decisions. "Es ist eine Mauer zwischen ihm und der Latino-Wählerschaft. Am Ende wird ihm diese Mauer den Weg ins Weiße Haus versperren."

Drei von vier Hispanics bevorzugen Hillary Clinton, sagen die Umfragen. Das sind mehr, als Obama ihre Stimme gaben. Aber kann sie dieses Wählerpotenzial mobilisieren? 2012 gingen nur 48 Prozent der Hispanics zur Wahl, die gesamte Wahlbeteiligung lag bei 55 Prozent. Bis vor wenigen Wochen gingen die Meinungsforscher davon aus, dass die Wahlbeteiligung der Hispanics sogar noch weiter sinken würde.

Doch die Demoskopen scheinen sich getäuscht zu haben. Das legt jedenfalls die Auszählung der Stimmen der sogenannten Early Voters nahe, also jener Wähler, die bereits vor dem eigentlichen Wahltag gewählt haben. In Florida haben jedenfalls schon vor dem heutigen Dienstag mehr Hispanics ihre Stimme abgegeben als bei der Wahl 2012 insgesamt. "Die Zahlen zeigen einen unerwarteten Anstieg in der Wahlbeteiligung der Hispanics, der bei Weitem den Wert von vor vier Jahren übersteigt", schreibt die New York Times.

In der Mehrzahl der Staaten ist der Wahlausgang leicht vorherzusagen. Entscheidend sind deswegen die Swing States, also die Staaten, in denen unklar ist, welcher der Kandidaten die Wahlmännerstimmen zugesprochen bekommt. Viele Hispanics leben in Staaten mit vorhersagbarem Wahlausgang: in Kalifornien, Oregon, Washington, Colorado und New Mexico, die aller Wahrscheinlichkeit nach an die Demokraten gehen werden, oder in Utah, Arizona und Texas, die auf den Wahlkarten rot eingefärbt sind und also an die Republikaner fallen dürften. Aber auch in den Swing States Nevada und Florida leben viele Hispanics. Nevada entsendet sechs Wahlmänner, Florida ganze 29 – und gilt damit als entscheidender Staat.

Auch bei den Republikanern gab es durchaus Bestrebungen, sich stärker an Hispanics zu wenden, immerhin gilt ihr Wählerpotenzial als "schlafender Riese". Nach der verlorenen Wahl 2012 hieß es in einem Strategiepapier: "Wenn Hispanics wahrnehmen, dass ein republikanischer Kandidat sie nicht in den USA will, werden sie dem nächsten Satz nicht mehr zuhören. Dann ist es egal, was wir über Bildung, Jobs oder die Wirtschaft sagen." Die Empfehlung: "Die Republikaner sind eine Partei der Toleranz und des Respekts, und wir müssen sicherstellen, dass der Ton unserer Botschaften diese Prinzipien widerspiegelt." Es kam anders. Mit Donald Trump setzte sich ein Kandidat durch, der Hispanics als Drogenhändler und Vergewaltigter brandmarkte und eine venezolanische Schönheitskönigin als "Frau Hausmädchen" beschimpfte.

Donald Trumps Kandidatur war keine strategische Entscheidung, aber sie hat besser funktioniert als das, was sich die Strategen seiner Partei ersonnen hatten. Anstatt Minderheiten anzusprechen, präsentierte er sich als Kandidat der weißen Arbeiter, die es leid sind, dass in der Politik die Bedürfnisse von Minderheiten stärker thematisiert werden als ihre eigenen. Damit gewann er die Vorwahlen seiner Partei und wurde in den Umfragen unerwartet stark. Offenbar hatten Strategen beider Parteien unterschätzt, wie wichtig die Gruppe der weißen Arbeiter noch ist.

Dauerhaft wird diese Gruppe den Republikanern aber nicht aus der Misere helfen. Denn nicht nur der Anteil der Weißen an den Wahlberechtigten nimmt ab, auch der Anteil der Arbeiter geht zugunsten der höher Gebildeten zurück. Und auch diese wählen mehrheitlich demokratisch. Außerdem hat Trump mit seiner Aggressivität die Millennials verschreckt, also die jungen Menschen, die nach dem Jahr 2000 politisiert wurden. Sie fühlen sich von seiner Macho-Art und seinem Rassismus nicht angesprochen, sagten sie in den Umfragen. Wer sich als junger Mensch für eine Partei entscheidet, bleibt oft ein Leben lang bei dieser Partei. Der Schaden für die Republikaner könnte also noch lange Zeit Auswirkungen haben.