Der Mann liegt in einem schwarzen Umhang da, nur das Gesicht ist unverhüllt. Die Frau sagt: "Jetzt müssen Sie einmal kurz schlucken" und fährt mit einer Rasierklinge vorsichtig über den eingeseiften Kehlkopf des Mannes. "Immer wieder ein komisches Gefühl", sagt der, "wenn dir ein Fremder mit so einem scharfen Messer am Hals entlangfährt." Die Frau breitet in der Luft ein dampfendes Handtuch aus und sagt nüchtern: "Das ist eine Sache des Vertrauens."

Zwölf Stunden nach dieser Szene die Schlagzeile: Donald Trump wird 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Wie das passieren konnte, darüber  unterhält man sich am besten mit einem wie Dennis Berwyn, der da beim Barbier sitzt. 

Berwyns schwarzer, in die Jahre gekommener Chevrolet-Van rattert über eine dunkle Landstraße in North Carolina. Berwyn sitzt am Steuer, er hat das Fenster leicht heruntergelassen und bläst Zigarettenrauch in die Wahlnacht. Der republikanische Bezirksabgeordnete für Raleigh, Chris Malone, ist soeben wiedergewählt worden – dank Berwyn, der Malones Wahlkampfmanager ist. Was aufregend klingt, besteht zum größten Teil aus unglamourösen Dingen wie dem Aufstellen von Wahlplakaten in Vorgärten und dem Organisieren von Mailinglisten.

"Mein Bauch sagt mir, dass Clinton das nachher macht", hat Berwyn noch am frühen Dienstagabend zugegen. Da scheint Trumps Triumph noch weit weg. Lachend schiebt er zwei deutsche Worte hinterher: "Die Hexe ..."

Berwyn, in Washington, D.C. geboren, kam als Säugling mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte. Immer wieder benutzt der 56-Jährige Begriffe aus seiner Jugend: "Wie geht's? Servus!"

Malone, Berwyns Chef, hat am Ende sein Amt mit nur fünf Prozentpunkten Vorsprung verteidigt. Andere republikanische Kollegen haben ihren Sitz im House of Representatives in North Carolina verloren. "Hätten wir mit zehn Prozent Vorsprung gewonnen, würde ich meinen, dass da draußen was in Gang gekommen ist und die Leute in Scharen Trump gewählt haben."  

Die Formel für den Sieg

Er schnippst den Zigarettenstummel aus dem Fenster. Seit 1996 arbeitet Berwyn für Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf. Was hat Trump richtig, was falsch gemacht? Gibt es eine geheime Formel, um zu gewinnen? "Die ist gar nicht geheim. Es ist eine Kombination der richtigen Dinge zur richtigen Zeit auf die richtige Art." Es klingt fast so vage wie die Antwort eines Politikers – und nicht wie die eines Politikhaudegens, der im Hintergrund die Fäden zieht.

Wie das funktioniert, sieht man bei Berwyn am besten in der Praxis. Am Wahltag –North Carolina stimmt nicht nur über den Präsidenten und Senat ab, sondern auch über Bezirksabgeordnete, Richter und Staatsanwälte – ist er um 6 Uhr aufgestanden. Eine halbe Stunde später öffnen die Wahllokale. Mit seinem klapprigen Van, die hinteren Sitze unordentlich, der Kofferraum voller Kisten mit Schildern und Postkarten, fährt Berwyn die Wahllokale in Wake County ab, einem Bezirk in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina.