2016 dürfte in den USA ein neuer Rekord beim early voting aufgestellt werden. 24 Millionen Wähler haben bereits ihre Stimme abgegeben, am Ende wird wohl ein Drittel der Stimmen vor dem Wahltag abgegeben worden sein.

Das verändert erstens die Dynamik im Rennen zwischen Donald Trump und Hillary Clinton. Je näher der Wahltag rückt, desto weniger Wähler haben noch eine Stimme, um die die Kandidaten kämpfen könnten. Und zweitens ermöglicht es für einige entscheidende Staaten erste vorsichtige Aussagen über reale Wählerbewegungen. Das ist möglich, weil mancherorts schon vor dem Wahltag Daten über das early voting veröffentlicht werden. Die Behörden in einigen dieser Staaten haben bekannt gegeben, wie viele der registrierten Wähler bereits ihre Stimme abgegeben haben. Und da die sich in vielen Staaten als Republikaner oder Demokraten und darüber hinaus nach Alter, ethnischer Herkunft und Geschlecht registrieren müssen, lassen sich erste Trends erkennen. Vor allem in den Staaten, die ihre Gesetzgebung seit der letzten Wahl nicht maßgeblich verändert haben.

Zwei der bedeutendsten Entwicklungen dieser Wahl sind schlecht für Hillary Clinton: Zunächst scheinen die Millennials, also 18- bis 34-Jährige, von ihr weniger begeistert zu sein als von Barack Obama, für den sie ein bedeutender Teil der Wählerkoalition waren. Zwar würden die Millennials mit großer Mehrheit Clinton wählen. Die Frage ist allerdings, ob sie auch ihre Stimme abgeben. Das Problem ist aus den Umfragen lange bekannt, nun zeigt es sich an den Zahlen aus Florida: Erst etwa 400.000 haben der Nachrichtenseite politico zufolge ihre Stimme abgegeben. Das ist besorgniserregend wenig im Vergleich zu 2012.

Wer führt in den Umfragen?

Obama begeisterte die afroamerikanischen Wähler

Clintons zweites Problem ist der offenbar geringe Enthusiasmus der afroamerikanischen Wähler. Das fällt besonders in den wichtigen Staaten North Carolina und Florida ins Gewicht. Würde Clinton diese beiden Staaten gewinnen, wäre ihr die Präsidentschaft praktisch nicht mehr zu nehmen. Auch durch den Rückgang der afroamerikanischen Stimmen liegen die Demokraten in beiden Staaten nach Angaben von CNN bedeutend hinter dem Stand, den Barack Obama im Jahr 2012 zu diesem Zeitpunkt hatte.

Wohlgemerkt, das heißt nicht, dass Clinton verlieren muss. Niemand kann genau sagen, wie viele der registrierten Demokraten und Republikaner dieses Mal für ihre Partei stimmen. Einer Umfrage zufolge sollen zum Beispiel Floridas Republikaner zu mehr als einem Viertel Clinton gewählt haben.

Zudem ist bereits jetzt zu erkennen, dass bei dieser Wahl viel mehr Hispanics teilnehmen. Das dürfte einerseits an ihrem stetig wachsenden Anteil an der Gesamtbevölkerung liegen, andererseits an Trumps Wahlkampf. Jedenfalls ist diese Gruppe mehrheitlich auf Clintons Seite. Das könnte sich in Nevada auszahlen, wo Clinton nach Ansicht der Wahlexperten von FiveThirtyEight ihre Umfragen übertreffen könnte. Auch in Colorado und sogar im konservativen Arizona sieht es deswegen gut aus für Clinton.

Die Industriezonen sind entscheidend

Gewinnt Clinton diese Staaten, wäre ihr der Sieg kaum zu nehmen – außer Trump schafft es, Clinton mehrere der Rust-Belt-States zu nehmen, der postindustriellen Depressionszonen an den großen Seen. Dort leben die weißen Globalisierungsverlierer, Trumps Kernwählerschaft. Aus Pennsylvania, Wisconsin, Michigan und Minnesota liegen bisher keine Ergebnisse vor. Die wenigen Umfragen aus diesen Staaten sehen aber Clinton vorn. Trump hingegen führt in den Umfragen in Ohio und die bisherigen Daten aus dem early voting scheinen zu bestätigen, dass Clinton den Staat verlieren könnte. Das würde sie verkraften, wenn nicht noch ein weiterer dieser Staaten an Trump fällt. Dessen Chancen stehen nicht schlecht: Denn in all diesen Staaten leben nicht nur viele weiße Amerikaner ohne Collegeabschluss – meist Trump-Wähler – sondern auch viele Afroamerikaner, die, siehe oben, eher selten wählen zu gehen scheinen.

Trump hat für die letzte Woche des Wahlkampfs eine Offensive im Rust Belt angekündigt. Dabei macht er sich eine bemerkenswerte regionale Besonderheit zu nutze: Ausgerechnet in Pennsylvania, Wisconsin, Michigan und Minnesota sind die early votes keine sichere Bank für die Kandidaten. Die Wahlgesetze erlauben es den Wählern dort, ihre Stimmen bis zu drei Mal zu revidieren. Deswegen wandte Trump sich bei einer Wahlkampfrede in Wisconsin an Clinton-Wähler, die ihre Entscheidung nach den jüngsten E-Mail-Schlagzeilen bereuen. "Ändert eure Stimme, gebt sie Donald Trump."