Nein, das war nicht einfach eine Wahl. Das war ein Aufstand aus Anlass einer Wahl. Donald Trump hat sich den Amerikanern als Führer eines Kulturkampfes dargeboten, als Feldherr gegen ein vermeintlich korruptes Establishment, gegen die Globalisierung, gegen die hergebrachten Regeln des Anstands, die plötzlich rundweg als political correctness verfemt wurden. Wie tief die Systemverachtung geht, auf die der künftige US-Präsident seinen Sieg gründen kann, das haben viele Medien (und zählen wir gleich Umfrageinstitute hinzu) unterschätzt, und dies nicht zum ersten Mal. Der Brexit hat den Westen ebenso geschockt. Jetzt droht also der Amerexit, der Rückzug Amerikas aus den Regeln und Zwängen des Internationalismus.

Was genau hat da begonnen? Auf was eigentlich ist der revolutionäre Furor, der sich 2016 in westlichen Gesellschaften Bahn bricht, eine Gegenreaktion?

Offenbar wünschen sich immer mehr Wähler eine Art bakuninsches Moment, eine konstruktive Zerstörung der Denkart, die die Funktiongesetze der Gegenwart geschaffen haben. Die Unterstellung an das Establishment ist die einer ideologischen Zementierung: Seit 1990 kannte der Westen nur einen Kurs, nämlich die Verlängerung der Politik, mit der er den Kalten Krieg gewonnen hatte. An der Liberalisierung, der Grenzbeseitigung, die Idealisierung der Vorstellung von der flachen Welt zeigten die Kosmopoliten von Washington bis Warschau auch dann nicht den geringsten Zweifel, als sich der negative Fall-out der Globalisierung bei vielen Bürgern längst bemerkbar machte – und zwar nicht notwendig in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern schlicht als Wegfall des Grundvertrauens, die Regierung kümmere sich in erster Linie um ihre Bürger und erst dann um übergeordnete Ziele.

Die "Eliten", Journalisten inklusive, lebten schon in einer Filterbubble, als es das Internet noch gar nicht gab – auf diese Anklage hat sich die Anti-Establishment-Bewegung in ihrer eigenen, twitter- und facebookgetriebenen Echokammer geeinigt. So verfestigt sich der Eindruck, innerhalb ein und derselben Gesellschaft stünden sich zwei im Grunde feindliche Schichten gegenüber; die der Verwurzelten und die der Entwurzelnden.

Trumpismus und Exitismus sind eine Gegenreaktion auf den als Paternalismus empfundenen Vorrang des Internationalen vor dem Nationalen. Werden wir eigentlich noch repräsentiert oder nur noch regiert?, könnte man ihren Schlachtruf zusammenfassen.

Es ist ja was dran: Bürger werden heute mehr regiert als vor zwanzig, dreißig Jahren. Globalisierung bedeutet tatsächlich, dass es immer mehr und immer höhere Einflussebenen gibt, Ebenen, deren Zwängen sich bisweilen auch nationale Politiker unterwerfen müssen. Diese Zwänge reichen sie nach unten durch. Siehe die Bankenrettung während der Finanzkrise. Siehe die Bail-out-Politik während der Eurokrise. Siehe Ceta und TTIP. Siehe die Flüchtlingspolitik.

Der wahre Trickle Down Effect der vergangenen Jahrzehnte ist deshalb der eines zunehmenden Ohmachtsgefühls. Der Geruch von Alternativlosigkeit, der immer mehr Entscheidungen anhaftet, nährt den Verdacht, die Mehrheit werde passend gemacht, falls der Mehrheit was nicht passt. Liegt hier, bei allen Unterschieden, nicht eine Gemeinschaft mit dem revolutionären Impuls des arabischen Frühlings vor? Die Vorstellung, die Herrschenden seien ein ancient regime, unfähig, die Beklemmungen der Mehrheit auch nur wahrzunehmen, sie scheint Arabellion und "Ameribellion" zu verbinden. Der britische Politikwissenschaftler Ralph Miliband nennt den Impuls "De-Subordination".

Der Vergleich mit dem arabischen Frühling ist natürlich deshalb ein Zerrbild, weil die Möglichkeit der Abwahl der Repräsentanten in westlichen Demokratien zu jedem Zeitpunkt bestanden hat. Trotzdem muss eine der Lehren aus Dynamik der hierarchischen Aufwärtsbeschleunigung der vergangenen Jahrzehnte lauten, dass sie bei vielen Menschen Stress-Symptome erzeugt haben, einer Art Klaustrophobie, wegen der Angst, dass es in dieser politischen Großbewegungen keinen Ausweg mehr gibt. Diese Angst entlädt sich jetzt. Und wer Angst hat, ist sogar bereit, sich belügen zu lassen, um diese Angst zu lindern.

Ein Trump-Wähler sagte David Blankenhorn, dem Chef des Institute for American Values, der nach Beweggründen für den Trump-Erfolg suchte: "Ich will es mit Trump versuchen, denn der Rest von ihnen hat mich angelogen. Was ist denn das Schlimmste, das passieren kann? Er wird nicht tun, was er sagt? Das kenne ich aus den letzten 30 Jahren." Trump lügt? Mag sein, aber der Politiker-Typus Clinton lügt auch. Trump lügt nur aufrichtiger, er macht, wenn man so will, keinen Hehl daraus.

Deswegen ist neben Trumps Verlogenheit seine zweite große Untugend, seine fehlende Bildung, ein zweiter Vorteil: Er mag ein leeres Blatt sein. Aber er ist wenigstens noch nicht vom falschen kosmopolitischen Bewusstsein geprägt.

Auf Grundlage dieses im Grund hohlen Vorschussvertrauens hat Trump es geschafft, seinen Anhängern eine eigene Faktenwelt zu bauen, unangreifbar vonseiten aller kosmopolitischen "Verschwörer". Damit ist die vierte Gewalt der Demokratie, die der Presse, praktisch ausgehebelt, ja man könnte sagen: die Gesetze der Aufklärung selbst.

Der neue US-Präsident hat weitreichende Macht schon im Rahmen der bestehenden Gesetze. Doch die potenziell verheerendste Wirkung kann Trump entfalten, indem er die Verschiebung von gesellschaftlichen Grundnormen fortführt, die er in Gang gesetzt hat.

Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann, hat der Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde einmal gesagt. Er meinte damit unter anderen den Glauben an die Legitimität des demokratischen Systems. Glaube ist genau das richtige Wort. Beweisen lässt sich die Richtigkeit von Demokratie nämlich nicht, sie lebt letztlich von einer gewissen weltlichen Religiösität.

Das Gefährliche ist nun, dass das Böckenförde-Diktum auch in die andere, in die destruktive Richtung zu gelten scheint. Kann der Staat, kann eine Regierung, die Voraussetzungen selbst abschaffen, von denen eine Demokratie lebt? Ja, sie kann. Wer den Zweifel an der Weisheit bestimmter Entscheidungen zum Zweifel an der Weisheit von Entscheidern schlechthin generalisiert, der öffnet die Türen der Macht für Verschwörungsdenker, für Rassisten, für Wahrheitsverächter aller Art. Und der muss sich nicht wundern, wenn sich deren Irrationalität schon bald gegen ihn selbst richtet.

Und an genau dieser Stelle, dort, wo der systematische Abbau von Grundnormen beginnt, muss jedes Verständnis gegenüber Leuten dieser Radikalität enden, innerhalb oder außerhalb der künftigen US-Administration. Jeden Bürger einer Demokratie ernst zu nehmen, heißt eben nicht nur, berechtigte Sorgen ernstzunehmen. Es heißt auch: den Mob in seine Schranken zu weisen.