Wenige Tage vor der US-Wahl wird immer deutlicher, dass Donalds Trumps Gerede von den verschobenen Wahlen unter seinen Anhängern bedenklichen Aktionismus ausgelöst hat. Die ultrarechte Website The Right Stuff hat angekündigt, Wahllokale heimlich mit Kameras ausstatten zu wollen, um sicherzugehen, dass Unterstützer von Hillary Clinton nicht mehrmals auftauchen. Die Organisation Stop the Steal plant eigene Umfragen direkt vor den Wahllokalen, um Manipulationen aufzuspüren. Und Neonazi-Führer Andrew Anglin kündigte an, am Dienstag eine ganze "Armee an Wahlbeobachtern" aussenden zu wollen und in mehrheitlich schwarzen Bezirken hochprozentigen Alkohol und Marihuana auszugeben – um so die Chancen zu erhöhen, dass die überwiegend demokratischen Wähler zu Hause bleiben.

Wahlbeobachter, die nicht nur beobachten

Trump warnt bei seinen Auftritten immer wieder vor Manipulationen am Wahltag und einem politischen System, das seine Anhänger ihrer Stimme beraubt. Erst vor wenigen Wochen rief er seine Unterstützer offen dazu auf, am Tag der Wahl in demokratische Hochburgen wie Philadelphia und Chicago zu fahren, um groß angelegten Wahlbetrug zu verhindern. "Guckt euch diese Städte an! Was ihr dort seht, ist schrecklich", wetterte Trump bei einem Auftritt in Colorado Springs. Auf seiner Webseite ruft Trump dazu auf, sich als Wahlbeobachter zu registrieren, um "die unehrliche Hillary davon abzuhalten, die Wahl zu manipulieren".

Dabei ist groß angelegter Wahlbetrug im dezentralen System der USA nahezu unmöglich. Zwischen 2000 und 2014 gab es gerade mal 31 registrierte Fälle – bei mehr als einer Milliarde abgegebenen Stimmen. "Wahlbetrug entscheidet keine Wahl", sagt Steffen Schmidt, Wahlexperte an der Iowa State University. Experten wie er verweisen vielmehr auf andere Probleme, etwa strenge Anforderungen bei der Wählerregistrierung vor allem in konservativen Staaten, die ganz bewusst Minderheiten benachteiligten; oder die Tatsache, dass häufig die Mehrheitspartei die Grenzen zwischen den Wahlbezirken zieht – und sich so bei der Abstimmung einen Vorteil verschaffen kann. Das, so Schmidt, sei die eigentliche "Verschmutzung des demokratischen Prozesses".

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Die Demokraten fürchten, dass die Aufrufe von Trump und die geplanten Aktionen viele ihrer Unterstützer einschüchtern und davon abhalten könnten, am kommenden Dienstag wählen zu gehen. Gleich mit mehreren Klagen gegen Trump und die Republikaner versuchen sie, die Einschüchterungsversuche auf den letzten Metern zu unterbinden. Die Republikaner würden Wahlbeobachter ermutigen, verdächtigen Personen bis auf den Parkplatz zu folgen und sie auszufragen, heißt es in einer Klageschrift. Trump-Unterstützer hätten Wähler in den vergangenen Tagen bereits belästigt und eingeschüchtert und versucht, sie an der Abgabe ihrer Stimme zu hindern. Man fürchte "Unruhen am Wahltag", heißt in dem Schreiben.

Wahlkomitees befürchten bewaffnete Trump-Fans

Inzwischen gehen die Bedenken noch weiter. In vielen Bezirken fürchten die Wahlverantwortlichen, dass Trump-Anhänger rechtliche Grauzonen ausnutzen und ihre Waffen mit in die Wahllokale nehmen könnten. Wahlhelfer würden im Vorfeld eigens dafür geschult, auf Schießereien zu reagieren, heißt es von der Organisation Everytown for Gun Safety. In Virginia setzen sich die Organisatoren für einen eintätigen Waffenbann ein; in New Hampshire werden die Wähler im Wahllokal darauf hingewiesen, dass einzelne Personen Waffen mit sich tragen könnten. Weit hergeholt scheinen die Sorgen nicht: Die rechtsextreme Gruppe Oath Keepers kündigte für kommenden Dienstag die "Operation Sabot 2016" an, bei der Mitglieder Ausschau halten sollen nach möglichen Wahlbetrügern und Registrierungen im Zweifel anfechten sollen. Der Name ist nicht zufällig gewählt: Sabot ist ein Munitionsbestandteil, der die Wirkungsfläche eines Projektils erhöht.

Die Republikanische Partei bemüht sich unterdessen, sich von den Aktionen der aufgebrachten Basis zu distanzieren. Denn die Konservativen bewegen sich auf dünnem Eis: Seit der langjährige Trump-Gefährte Roger Stone 1981 im Namen der Partei in New Jersey mit Einschüchterungstaktiken an den Wahllokalen demokratische Wähler davon abhalten wollte, ihre Stimme abzugeben, sind die Republikaner per Dekret gezwungen, ihre Wahlbeobachtungen eng von den Behörden überwachen zu lassen. Im kommenden Jahr sollte diese Regelung auslaufen, doch Demokraten fordern jetzt eine Verlängerung. Sie verweisen auf die Rolle von Stone, der heute einer der führenden Köpfe hinter der Aktion Stop the Steal ist. Anfang der Woche forderte ein Bundesrichter die Republikaner auf, sämtliche gemeinsame Anstrengungen mit dem Trump-Team für den Wahltag offenzulegen.

Auch die Demokraten schicken Beobachter

Trotz der aufsehenerregenden Meldungen glaubt Steffen Schmidt nicht, dass die Einschüchterung gelingen wird. "Dafür bedürfte es eines groß angelegten landesweiten Aufmarsches." Zudem würden auch die Demokraten ihre Wahlbeobachter schicken und bei Unregelmäßigkeiten sofort die Behörden informieren. Mehr Sorgen macht sich der Wahlexperte über die Zeit nach der Abstimmung, vor allem bei einem möglichen Wahlsieg von Hillary Clinton. Wenn ein Großteil der Unterstützer der Überzeugung seien, dass ihnen die Wahl weggenommen worden sei, "dann besteht die realistische Chance, dass sie ihre Waffen ziehen".