"Sie wird meine Stimme nicht kriegen, Punkt." Mit diesen Worten hat der demokratische Wahlmann Robert Satiacum seine Absicht bekannt gemacht, nicht für Hillary Clinton zu stimmen. Satiacum ist einer von zwölf demokratischen Wahlmännern im Bundesstaat Washington, der der Kandidatin eigentlich als sicher gilt. Hält er sein Versprechen, muss Clinton nicht mehr 270, sondern 271 Wahlmännerstimmen auf sich vereinen.

Dass das möglich ist, hängt mit dem komplizierten Wahlsystem der USA zusammen. Die US-Bürger wählen am 8. November nicht direkt den Präsidenten, sondern die 538 Wahlmänner, die am 19. Dezember im Electoral College ihrerseits das Staatsoberhaupt wählen. Jeder Bundesstaat entsendet, abhängig von seiner Einwohnerzahl, eine bestimmte Anzahl an Wahlmännern. In fast allen Staaten gilt das Prinzip the winner takes it all, das bedeutet, dass der Sieger die gesamte Anzahl der Wahlmänner im jeweiligen Staat abräumt.

Nun ist es unwahrscheinlich, dass Satiacums Entscheidung den Ausgang der Wahl beeinflusst. Das Magazin The Atlantic hat dieses Szenario einmal durchgespielt: Zunächst müsste Clinton genau 270 Wahlmännerstimmen erhalten – das Minimum, um die Präsidentschaft zu gewinnen. Das würde zum Beispiel passieren, wenn Donald Trump die gleichen Staaten gewinnen würde, die Mitt Romney 2012 gewann und dazu noch die Swing States Ohio, Florida, Colorado und Iowa. Trump hätte damit 268 Stimmen, Clinton würde mit dem kleinstmöglichen Vorsprung gewinnen.

Wenn Satiacum in diesem Fall seine Stimme nicht für Clinton abgeben würde, hätte keiner der Kandidaten eine Mehrheit im Electoral College. Der zwölfte Zusatzartikel würde in diesem Fall vorschreiben, dass Präsident und Vizepräsident von Repräsentantenhaus und Senat gewählt würden. Das Repräsentantenhaus wird allerdings von Republikanern dominiert.

Weder Clinton noch Trump könnten das Land führen

Satiacum sagte, er habe viel Kritik zu hören bekommen, seit er vor Kurzem ankündigte, nicht für Clinton stimmen zu wollen. Doch er habe auch von anderen Wahlmännern gehört, die ihm dafür gedankt hätten, dass er Clinton öffentlich kritisiert habe. Er hoffe, dass sie seinem Beispiel folgen werden. Weder Clinton noch Trump könnten das Land führen. "In diesen Zeiten müssen wir alle aufstehen und unsere Stimmen erheben", sagte er. Hillary Clinton sei eine "Kriminelle", die sich nicht ausreichend für die Belange amerikanischer Ureinwohner einsetze. Satiacum selbst gehört zumPuyallup-Stamm. Während der Primaries hatte er den Kandidaten Bernie Sanders unterstützt.

Das Magazin Politico hatte bereits im Oktober über Satiacums Zögern, für Clinton zu stimmen, berichtet. Damals hatte der Wahlmann gesagt, er könne nicht jemanden wählen, der genauso sei wie Trump. Er hatte damals vor allem Clintons Umweltpolitik kritisiert.

In der Verfassung ist nicht verankert, dass die Wahlmänner für einen bestimmten Kandidaten stimmen müssen. 31 Staaten haben jedoch eine Strafe für Wahlmänner, die nicht den Wählerwillen repräsentieren. So müsste Satiacum 1.000 Dollar Strafe bezahlen, wenn er nicht für Clinton stimmen würde. Das sei ihm aber egal, sagte er.

Im August hatte es bereits einen ähnlichen Fall mit einem republikanischen Wahlmann gegeben. Baoky Vu, einer der 16 Wahlmänner im Bundesstaat Georgia, hatte öffentlich gemacht, dass er nicht für den Republikaner Trump stimmen werde. Georgia ist einer der 21 Staaten, in denen die Wahlmänner nicht an die Wählermehrheit gebunden sind. Anders als Satiacum nun in Washington hätte Vu dort also keine Strafe gedroht. Dennoch entschied Vu sich, als Wahlmann zurückzutreten.

Dem Nationalarchiv zufolge haben in der gesamten Geschichte der US-Wahlen 99 Prozent der Wahlmänner für den Kandidaten ihrer Partei gestimmt. Keiner der Abweichler habe je das Resultat einer Wahl verändert.