Beide Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten kommen höchst angeschlagen aus dem Wahlkampf. Donald Trump und seine Rivalin Hillary Clinton sind in genug Skandale verwickelt, um sich aus Sicht vieler Amerikaner für das mächtigste Amt der Welt zu disqualifizieren. Die Vielzahl an Anschuldigungen macht es schwierig, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie ernst sie wirklich sind. Wir haben darum die relevantesten Vorwürfe gesammelt.

Clinton

Der E-Mail-Server: die Mutter aller Skandale

Während ihrer Amtszeit als Außenministerin versandte Clinton ihre E-Mails über einen veralteten Server, der in ihrem privaten Wohnhaus im Bundesstaat New York stand. Das entspricht nicht den Regeln für Angehörige der Regierung, die ihre dienstliche Korrespondenz den Sicherheitsbehörden zur Verfügung stellen müssen. Nach dem Ende ihrer Amtszeit übergab Clinton die dienstliche Korrespondenz, löschte aber mindestens 30.000 weitere E-Mails, die alle privat gewesen seien, wie sie sagt. Überprüfen lässt sich das nicht mehr, auch weil Mitarbeiter von Clinton Diensthandys mit Hämmern zertrümmerten. Clinton kann den Vorwurf, sie habe mit dem Löschen der E-Mails etwas vertuscht, nicht widerlegen.

Ein Teil der an das Außenministerium übergebenen E-Mails wurde später im Rahmen von Ermittlungen öffentlich gemacht, andere drangen durch Leaks an die Presse. Die Informationen darin geben einen ungewöhnlich tiefen Einblick in die Arbeit der Außenministerin. Wegen der Fülle des Materials tauchte über Monate immer neue Korrespondenz auf, die auf Auswertungen der E-Mails beruhen. Das FBI konnte keinen Beweis dafür finden, dass Clinton durch den Gebrauch des privaten Servers absichtlich das Gesetz gebrochen habe. Der Umgang mit Staatsgeheimnissen sei aber "extrem sorglos" gewesen, sagte FBI-Direktor James Comey.

Seit Beginn ihrer Kandidatur werfen Republikaner Clinton vor, Amerikas nationale Sicherheit gefährdet zu haben. Während das Land sich aber über Trumps Sexskandale empörte, gerieten Clintons E-Mails fast in Vergessenheit. Doch dann meldete sich FBI-Direktor Comey elf Tage vor der Wahl noch einmal zu Wort. In einem Brief an den US-Kongress informierte er die Abgeordneten darüber, dass neue Korrespondenz aus Clintons Umfeld aufgetaucht sei – auf dem Computer von Anthony Weiner, dem Ehemann von Clintons engster Vertrauter Huma Abedin. Die Empörung war riesig, Clintons Umfragewerte fielen. Zwei Tage vor der Wahl sagte Comey schließlich, dass die neuen Informationen nichts am Stand der Dinge ändern: Gegen Clinton wird nicht ermittelt.

Bengasi: Unterlassene Hilfeleistung?

Am 11. September 2012, genau elf Jahre nach Anschlägen auf das World Trade Center, töteten Islamisten in der ostlibyschen Stadt Bengasi den US-Botschafter John Christopher Stevens. Bei dem Angriff starben noch ein weiterer Diplomat und zwei CIA-Beamte. Clinton war zu dieser Zeit Außenministerin und somit für die Botschaften weltweit und deren Schutz verantwortlich. Die Vertretung in Libyen hatte zuvor zusätzlichen Schutz angefordert, der aber nicht gewährt wurde. Clinton übernahm dafür die Verantwortung, auch wenn sie persönlich nicht in die Entscheidung eingebunden war.

Trump versuchte im Wahlkampf, die Sache so darzustellen, als habe der Botschafter persönlich 600 Mal bei Clinton um Hilfe gebeten, diese habe aber nicht reagiert. Das stimmt allerdings nicht. Es gab einen E-Mail-Wechsel in der Größenordnung von 600 ausgetauschten Nachrichten, von denen man aber die wenigsten als Hilfeersuchen werten kann. Sie wurden vom Außenministerium, nicht direkt von Clinton bearbeitet. Trump verknüpft den Tod der vier Amerikaner eng mit den Entscheidungen Clintons. Das wird der Sache nicht gerecht.

WikiLeaks-Enthüllungen: schmutzige Details

Die E-Mails, die WikiLeaks im Oktober veröffentlichte, sind wesentlich jünger. Sie stammen offenbar von russischen Hackern, die das Mail-Konto von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta knackten. Aus den Mails geht zum Beispiel hervor, dass Clintons Team einzelne der Fragen einer Fernsehvorwahldebatte vorab bekam. Clintons Kontrahent war damals der linke Kandidat Bernie Sanders. Außerdem gab es Hinweise, dass Anthony Weiner, der damalige Mann von Clintons Beraterin Abedin, fahrlässig mit sensiblen Informationen umgegangen sein könnte. Das FBI will das prüfen und geht ebenfalls der Frage nach, ob auch Clinton sich etwas zuschulden hat kommen lassen.

Die Clinton-Stiftung: Privat oder politisch?

Nach Bill Clintons Abschied aus dem Weißen Haus gründete er eine Stiftung, die auch während Clintons Zeit als Außenministerin aktiv war. In dieser Zeit erhielt die Stiftung auch Spenden von Amtsträgern anderer Staaten. Seit Hillary Clintons Ausscheiden als Außenministerin sind auch sie und die Tochter Chelsea an der Stiftung beteiligt. Die Clintons versilberten ihre politischen Erfahrungen, indem sie für üppige Gagen Reden hielten, zum Beispiel bei Finanzkonzernen. Die Gelder flossen jeweils in die Stiftung. Die Grenzen zwischen privat angenommenen Aufträgen und Events zum Sammeln von Spenden, zwischen Politik, Wohltätigkeit und wirtschaftlichem Unternehmertum verschwimmen. Für Clintons Gegner liegt der Verdacht nahe, dass ihre Politik als Außenministerin käuflich war. Im Zentrum stehen dabei Spenden der Regierung Saudi-Arabiens von mindestens 10 Millionen Dollar, die allerdings schon vor Hillary Clintons Amtszeit flossen. Darüber hinaus gibt es personelle Verquickungen zwischen Stiftung, Wahlkampfteam und Außenministerium. Der Kronprinz von Bahrain wusste das 2009 zu nutzen: Nachdem er sich über offizielle Kanäle vergeblich um einen Termin mit Clinton bemüht hatte, wandte er sich an die Stiftung – und bekam auf diesem Weg ein Gespräch mit der Außenministerin der USA.

Sex-Vorwürfe: Bill als Belastung

Kurz vor der zweiten TV-Debatte präsentierte Donald Trump den Medien vier Frauen, die heftige Anschuldigungen gegen die Clintons vorbrachten. Keine der Geschichten ist allerdings neu. Im Zentrum von dreien der Vorwürfe steht Ex-Präsident Bill Clinton. Er soll in den 1990er Jahren zwei Angestellte sexuell belästigt haben. Beide vermeintlichen Opfer haben sich in ihren Aussagen schon einmal selbst widersprochen. Eine Verurteilung gab es nicht.

Handfester wirken die Vorwürfe von Juanita Broaddrick, die sich Ende der 1970er Jahre als Freiwillige für Bill Clintons Kampagne engagieren wollte, als der sich zum ersten Mal als Gouverneur von Arkansas bewarb. Broaddrick sagt, Clinton habe sie damals in einem Hotelzimmer vergewaltigt. Ihre Aussage ist nicht bewiesen, enthält aber auch keine offensichtlichen Widersprüche. Die Vorwürfe gegen ihren Ehemann strahlen auch auf Hillary Clinton ab. Außerdem sagt Broaddrick, Clinton habe sie unter Druck gesetzt, damit sie stillhalte. Im Wahlkampf erzählte sie diese Geschichte unter Tränen ein weiteres Mal. Über eine Frau, die behauptet, mit Bill Clinton eine zwölfjährige Affäre gehabt zu haben, sagte Hillary Clinton einmal, sie würde sie am liebsten "kreuzigen".

In einem separaten Fall wird Hillary Clinton in Zusammenhang mit einer Vergewaltigung gebracht: Als junge Anwältin verteidigte sie einen Mann, dem vorgeworfen wurde, eine Zwölfjährige missbraucht zu haben. Vielleicht auch wegen Clintons engagierter Verteidigung wurde er nicht wegen Vergewaltigung, sondern nur wegen "Liebkosung" einer Minderjährigen verurteilt. Als sie später dazu interviewt wurde, lachte Clinton während des Gesprächs. Dieses Lachen bezog sich nicht direkt auf das Opfer, dennoch wird ihr seitdem vorgeworfen, sich über das Schicksal eines vergewaltigten Mädchens lustig gemacht zu haben.