Mit wem sprechen, ein Jahrhundert nach dem Genozid?

Im Sommer dieses Jahres gestand die Bundesregierung ein: Was 1904 bis 1908 in Namibia geschah, war Völkermord. Deutsche Soldaten ermordeten damals mehr als 80.000 Menschen der Volksgruppen der Herero und Nama. Am Sonntag fliegt deshalb Ruprecht Polenz, CDU-Politiker und langjähriger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, nach Windhuk. Er will gemeinsam mit namibischen Diplomaten in einer vierten Verhandlungsrunde gemeinsame Worte für die kolonialen Verbrechen finden und diskutieren, welche Entwicklungsprojekte Deutschland in Namibia unterstützen wird.

Polenz hofft, dass sich die deutsche und namibische Delegation bis Ostern grundlegend einigen und die Verhandlungen vor der Bundestagswahl 2017 abgeschlossen sind. Mehr als hundert Jahre nach dem Genozid könnte es also eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung geben. Einfach wird das nicht.

Angehörige von Opferverbänden fordern, die Gespräche sofort abzubrechen. Vergangenen Monat sagten sie auf einer Pressekonferenz in Berlin: Traditionelle Führer der betroffenen Herero werden übergangen. Solange sie nicht mitverhandeln dürfen, seien die Gespräche illegitim.

Wen vertritt der Paramount Chief?

Als Führer der Herero sehen Kritiker der aktuellen Gespräche Vekuii Rukoro, der im blauen Anzug am Podium saß, im Saal Dutzende Herero in traditionellen Gewändern. Die namibische Regierung könne nicht für ein Volk verhandeln, das heute als Folge des Völkermords und der kolonialen Grenzziehung in vielen Ländern lebt, sagte er. Zwar befindet sich mit 250.000 Vertretern der Großteil der Herero in Namibia. Doch leben sie auch in den angrenzenden Ländern Angola, Botswana und Südafrika. Historiker können Vekuii Rukoros Argument daher nachvollziehen.

In Berlin behauptet er, als sogenannter Paramount Chief für "mehr als neunzig Prozent" der Herero zu sprechen. Wer herausfinden will, was es damit auf sich hat, begibt sich auf einen Ausflug in die namibische Innenpolitik.

Offiziell gibt es sechs Königshäuser der Herero in Namibia, sie sind von der Regierung anerkannt und in die bilateralen Verhandlungen eingebunden. Die ihnen vorstehenden Chiefs treffen sich in einem eigenen Forum, das der Vizepräsident Namibias leitet. "Rukoro ist aus diesem Forum ausgetreten", sagt Zed Ngavirue, Leiter der namibischen Verhandlungsdelegation und selbst Herero. "Er wollte direkt mit der deutschen Regierung verhandeln." Verhandlungen könnten aber nur auf Regierungsebene stattfinden. Zudem sei Rukoro nur eine von mehreren traditionellen Autoritäten. "Die Position des Paramount Chief existiert in den namibischen Gesetzen nicht." Er hätte also keine Befugnisse, für das Herero-Volk zu sprechen.

Doch ist der Paramount Chief mehr als eine selbsternannte Autorität, weiß der Historiker Jürgen Zimmerer, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Völkermord beschäftigt. Er geht davon aus, dass heute ein "nicht unerheblicher Teil der Herero" hinter Vekuii Rukoro steht. Genau festzustellen ist das nicht, demokratische Wahlen für das Amt eines Chiefs unter den Herero gibt es nicht.

"Die Herero befanden sich erst in der Nationenbildung, als die deutschen Kolonialherren kamen", erklärt Zimmerer. Als die Institution des Paramount Chiefs entstand, diente sich dieser dem deutschen Gouverneur an und gelangte so zu mehr Macht, bis es 1904 zum Krieg zwischen den Kolonialherren und den Herero kam. Deutsche Soldaten ermordeten nicht nur Zehntausende Herero, sondern zerstörten indigene Strukturen. "Die Herero-Gesellschaft musste sich nach dem Genozid neu erfinden", sagt Zimmerer.  

Kritiker der aktuellen Verhandlungen stellen zudem fest, dass in der namibischen Delegation hauptsächlich Mitglieder der Swapo, der seit Namibias Unabhängigkeit 1990 mit absoluter Mehrheit regierenden Partei, vertreten sind. Der frühere Paramount Chief der Herero hingegen war einer der führenden Oppositionspolitiker. "Insofern ist die Frage des Vertretungsanspruchs auch historisch ein Konflikt zwischen Regierung und Opposition", sagt Zimmerer.

"Erwartungen Namibias müssen auf realistisches Maß gebracht werden"

Seit 1990 gehört Namibia zu den Ländern in Afrika, denen die Bundesrepublik die weltweit höchste Entwicklungshilfe pro Kopf zahlt; insgesamt mehr als 800 Millionen Euro sind bisher überwiesen worden.

Ein Jahrhundert nach Beginn des Genozids, im Jahr 2004, reiste die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nach Namibia und rief eine Sonderinitiative in Höhe von 20 Millionen Euro ins Leben. Bewusst ohne Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt bat sie um "Vergebung" für den Völkermord – ein Begriff, den die Bundesregierung bis dieses Jahr vermied. "Ich habe das in meiner eigenen Verantwortung und der meines Ministeriums gemacht", sagte sie vergangenes Jahr der Süddeutschen Zeitung: "Ich wusste tatsächlich nicht, ob meine Zeit als Ministerin damit beendet sein würde."

Ein großer Teil der Sonderinitiative kam nicht den Herero zugute; das Geld floss in den Norden Namibias, dem Gebiet der Owambo, der bevölkerungsreichsten ethnischen Gruppe Namibias. "Viele Herero trauen der Regierung deshalb in dieser Sache nicht", sagt der Historiker Jürgen Zimmerer. Auch dem deutschen Verhandlungsführer Ruprecht Polenz ist bewusst, dass die Herero und Nama die Sonderinitiative nicht "als starke Botschaft Deutschlands an sie" gesehen hätten. Daher müsse man bei künftigen Projekten sicherstellen, dass sie das Ergebnis der Verhandlungen akzeptieren. Polenz trifft sich deshalb auch mit den Chiefs der Königshäuser, um seine Verhandlungsposition zu erklären.

Im Gespräch mit ZEIT ONLINE schlägt er eine deutsch-namibische Zukunftsstiftung vor, aus der beispielsweise Jugendaustauschprogramme und Projekte zur Erinnerungskultur finanziert werden sollen. Zudem sollen Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte umgesetzt werden. Die größte Schwierigkeit sieht er darin, "die Erwartungen Namibias auf ein realistisches Maß zu bringen". Ein realistisches Maß? Zahlen will Polenz keine nennen. Zuerst müsse festgelegt werden, welche Projekte realistischerweise umgesetzt werden können, schließlich sei die Verwaltungskapazität in Namibia begrenzt. Nur soviel: "Je länger die Verhandlungen dauern, desto größer werden die Erwartungen der namibischen Bevölkerung."

"Es geht um keine Rechtsfrage, sondern Politik"

Als Polenz gebeten wurde, für die Bundesregierung zu verhandeln, hat er recherchiert, sagt er: Gibt es einen Genozid, über den mehr als einhundert Jahre später verhandelt wird? Vergleichbare Fälle? Gab es nicht. Daher gehe es um keine Rechtsfrage, sagt Polenz, "sondern um eine politisch-moralische". Ausgeschlossen seien Reparationszahlungen, die auf "fiktiven Schadensberechnungen" aufbauen und an Einzelne ausgezahlt werden. Deutschland habe nach dem Zweiten Weltkrieg nur direkte Opfer entschädigt. Im Falle der Herero und Nama, sagt Polenz, handelte es sich um die Ururenkel-Generation.

Vekuii Rukoro, der Paramount Chief der Herero, fordert hingegen, die Nachfahren der Opfer zu entschädigen. Er hält eine Entschuldigung ohne persönliche finanzielle Wiedergutmachung für eine "gewaltige Beleidigung", wie er in Berlin klarmachte. Bereits 2002 verklagte er die deutsche Bundesregierung in den USA auf zwei Milliarden Dollar Schadenersatz, die Klage scheiterte. In Berlin sagt er, er wolle es erneut versuchen, auch wenn Beobachter einer Klage wenig Chancen einräumen. Er versucht zudem, moralischen Druck aufzubauen und hat offiziell Beschwerde bei den Vereinten Nationen eingelegt. "Wir haben einhundert Jahre auf Gerechtigkeit gewartet", sagt er, "wir können es auch noch weitere zehn tun".

Der namibische Delegationsleiter, Zed Nagvirue, steht ebenfalls nicht unter Zeitdruck. Ihm sei vermittelt worden, dass der Völkermord nun auch als solcher in Deutschland anerkannt sei, sagt er ZEIT ONLINE. Die Verhandlungen seien "in einer frühen Phase". Er will nicht darüber reden, was gemeinsam umgesetzt werden kann – nicht, bevor geklärt ist, wie viel Geld Deutschland zahlen will.