Seit 1990 gehört Namibia zu den Ländern in Afrika, denen die Bundesrepublik die weltweit höchste Entwicklungshilfe pro Kopf zahlt; insgesamt mehr als 800 Millionen Euro sind bisher überwiesen worden.

Ein Jahrhundert nach Beginn des Genozids, im Jahr 2004, reiste die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nach Namibia und rief eine Sonderinitiative in Höhe von 20 Millionen Euro ins Leben. Bewusst ohne Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt bat sie um "Vergebung" für den Völkermord – ein Begriff, den die Bundesregierung bis dieses Jahr vermied. "Ich habe das in meiner eigenen Verantwortung und der meines Ministeriums gemacht", sagte sie vergangenes Jahr der Süddeutschen Zeitung: "Ich wusste tatsächlich nicht, ob meine Zeit als Ministerin damit beendet sein würde."

Ein großer Teil der Sonderinitiative kam nicht den Herero zugute; das Geld floss in den Norden Namibias, dem Gebiet der Owambo, der bevölkerungsreichsten ethnischen Gruppe Namibias. "Viele Herero trauen der Regierung deshalb in dieser Sache nicht", sagt der Historiker Jürgen Zimmerer. Auch dem deutschen Verhandlungsführer Ruprecht Polenz ist bewusst, dass die Herero und Nama die Sonderinitiative nicht "als starke Botschaft Deutschlands an sie" gesehen hätten. Daher müsse man bei künftigen Projekten sicherstellen, dass sie das Ergebnis der Verhandlungen akzeptieren. Polenz trifft sich deshalb auch mit den Chiefs der Königshäuser, um seine Verhandlungsposition zu erklären.

Im Gespräch mit ZEIT ONLINE schlägt er eine deutsch-namibische Zukunftsstiftung vor, aus der beispielsweise Jugendaustauschprogramme und Projekte zur Erinnerungskultur finanziert werden sollen. Zudem sollen Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte umgesetzt werden. Die größte Schwierigkeit sieht er darin, "die Erwartungen Namibias auf ein realistisches Maß zu bringen". Ein realistisches Maß? Zahlen will Polenz keine nennen. Zuerst müsse festgelegt werden, welche Projekte realistischerweise umgesetzt werden können, schließlich sei die Verwaltungskapazität in Namibia begrenzt. Nur soviel: "Je länger die Verhandlungen dauern, desto größer werden die Erwartungen der namibischen Bevölkerung."

"Es geht um keine Rechtsfrage, sondern Politik"

Als Polenz gebeten wurde, für die Bundesregierung zu verhandeln, hat er recherchiert, sagt er: Gibt es einen Genozid, über den mehr als einhundert Jahre später verhandelt wird? Vergleichbare Fälle? Gab es nicht. Daher gehe es um keine Rechtsfrage, sagt Polenz, "sondern um eine politisch-moralische". Ausgeschlossen seien Reparationszahlungen, die auf "fiktiven Schadensberechnungen" aufbauen und an Einzelne ausgezahlt werden. Deutschland habe nach dem Zweiten Weltkrieg nur direkte Opfer entschädigt. Im Falle der Herero und Nama, sagt Polenz, handelte es sich um die Ururenkel-Generation.

Vekuii Rukoro, der Paramount Chief der Herero, fordert hingegen, die Nachfahren der Opfer zu entschädigen. Er hält eine Entschuldigung ohne persönliche finanzielle Wiedergutmachung für eine "gewaltige Beleidigung", wie er in Berlin klarmachte. Bereits 2002 verklagte er die deutsche Bundesregierung in den USA auf zwei Milliarden Dollar Schadenersatz, die Klage scheiterte. In Berlin sagt er, er wolle es erneut versuchen, auch wenn Beobachter einer Klage wenig Chancen einräumen. Er versucht zudem, moralischen Druck aufzubauen und hat offiziell Beschwerde bei den Vereinten Nationen eingelegt. "Wir haben einhundert Jahre auf Gerechtigkeit gewartet", sagt er, "wir können es auch noch weitere zehn tun".

Der namibische Delegationsleiter, Zed Nagvirue, steht ebenfalls nicht unter Zeitdruck. Ihm sei vermittelt worden, dass der Völkermord nun auch als solcher in Deutschland anerkannt sei, sagt er ZEIT ONLINE. Die Verhandlungen seien "in einer frühen Phase". Er will nicht darüber reden, was gemeinsam umgesetzt werden kann – nicht, bevor geklärt ist, wie viel Geld Deutschland zahlen will.