Jetzt bitte keine Babys und kein Essen mehr, das könnte so einiges ruinieren. Präsidentschaftskandidaten in den USA lassen auf ihrer monatelangen Tour quer durchs Land keine Gelegenheit aus, eine familiäre Fotogelegenheit zu kreieren. Besonders beliebte Motive sind das obligatorische Kleinkind auf dem Arm und die lokale Spezialität, die in einem kleinen Diner probiert wird. Doch das Eis auf der Krawatte, das Würstchen ungelenk in der Hand und das schreiende Kind im Arm des Kandidaten können in letzter Minute zum unschönen Meme im Netz werden. Deswegen geht es für die Kandidaten in den Stunden vor der Wahl vor allem um die Macht der Rhetorik, berühmte letzte Worte. In den allerletzten Reden, dem final push, werden alle Argumente eines langen Wahlkampfs zu einem kurzen, einprägsamen Verkaufsargument verkürzt.

In diesem Rennen ist das vor allem der Hinweis auf die Fehler des Gegners. Hillary Clintons Erzählung: Trump ist inkompetent und eine Stimme für sie ist eine Wahl gegen hasserfüllte Rhetorik. Donald Trumps Erzählung: Clinton ist korrupt und das ganze politische System manipuliert.

Nun wird fast nur noch an die Emotionalität der Wähler appelliert, die allein über Wohl und Wehe "der großartigsten Nation der Welt" entscheiden können. Die USA mögen an der Schwelle zur Selbstzerstörung stehen, die Selbstversicherung bleibt bis zum Schluss bestehen.

Wer zieht ins Weiße Haus ein?

Zahl der Wahlmänner, die Clinton und Trump laut aktuellen Umfragen in den einzelnen Bundesstaaten für sich gewinnen können.

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Der Kalender der Last-minute-Stopps von Clinton und Trump liest sich wie eine Fünf-Länder-in-drei-Tagen-Reise aus dem Lonely Planet. Trump war am Montag in Florida, North Carolina, Pennsylvania, New Hampshire und Michigan unterwegs. Clinton wiederum warb im North Carolina, Michigan und in gleich zwei Städten in Pennsylvania um Stimmen. Die Auftritte von Clinton und Trump sind natürlich strategisch gewählt. So ist etwa der Bundesstaat Michigan seit 1988 nicht mehr an einen republikanischen Kandidaten gegangen. Diesmal aber könnte es knapp werden, ein umkämpfter Staat, mit dem niemand gerechnet hatte.

Die beiden Kandidaten setzen aber auch auf starke Symbole. Clinton etwa sprach in Philadelphia vor der Independence Hall, wo die Unabhängigkeitserklärung 1776 unterzeichnet wurde. Geschichte, die auch Clinton als erste US-Präsidentin schreiben will. An ihrer Seite: Barack Obama. Der ebenfalls Geschichte geschrieben und bewiesen hat, wie gut er darin ist, in den letzten Stunden Wähler noch einmal zu motivieren.

Vor seiner Wiederwahl 2012 hielt Obama seine letzte Rede in Iowa, wo er Hillary Clinton im Vorwahlkampf der Demokraten vier Jahre zuvor geschlagen hatte und seinen unerwarteten Siegeszug ins Weiße Haus begann. "Hier hat unsere Bewegung des Wandels begonnen. Genau hier", sagte Obama damals. "Ihr habt uns aufgefangen, als wir Auftrieb brauchten."

Es war ein einziger Nostalgietrip, der an die so einzigartige Bewegung seiner Präsidentschaftswahl erinnerte, dem Präsidenten rann gar eine Träne über die Wange. Ob echte oder kalkulierte Emotion oder doch nur eine Folge des eiskalten Windes, interpretierte jeder Beobachter für sich. Obamas Rhetorik ähnelte dabei seiner letzten Rede aus seiner ersten Kampagne 2008 in Virginia, in der ebenfalls die Kraft der Wähler beschrieb.