Als trete er noch einmal selber an, jettete Barack Obama bis zum letzten Tag von Wahlkampfauftritt zu Wahlkampfauftritt. Als ginge es um ihren Mann, warf sich auch Ehefrau Michelle rastlos in die Schlacht ums Weiße Haus.

Und dann der Schlussakt am Montagabend in Philadelphia: Die Scheinwerfer richteten sich immer wieder auf Obama, mit tosendem Jubel feierten Tausende von Anhängern vor allem ihn, den scheidenden Präsidenten, und weniger die Frau, die ihm nachfolgen will und die er da oben auf der Bühne immer wieder so demonstrativ in den Arm nahm: Hillary Rodham Clinton.

Deutlicher konnte man dem Land und der Welt nicht vor Augen führen, worum es am heutigen Wahltag im Kern geht: um das politische und kulturelle Vermächtnis Barack Obamas, das nur gerettet werden kann, wenn Hillary Clinton Präsidentin wird.

Zwei Kandidaten, die ihre Unbeliebtheit eint

Die Gesundheitsreform und das Pariser Klimaschutzabkommen, das Folterverbot und das Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada werden nur Bestand haben, wenn Clinton am 20. Januar 2017 den Stab übernimmt. Der Republikaner Donald Trump ist angetreten, um das Erbe Obamas zu vernichten.

Doch es geht nicht nur um Gesetze und Verträge, es steht bei dieser Wahl weit mehr auf dem Spiel. Entschieden wird über das Wesen dieses Landes und seiner Gesellschaft. Darüber, welche Rolle Amerika in der Welt spielen will und ob Politik noch einer gewissen Rationalität folgen oder nur noch von wirren Emotionen geleitet wird. Ob Anstand, Würde und Erfahrung noch Geltung haben oder hemmungsloser Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit weichen müssen. Entschieden wird auch darüber, ob Amerika eine Gesellschaft sein will, in der alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion, einen Platz finden können.

Clinton oder Trump? Die Wahl ist eigentlich klar. Doch sie fällt vielen Amerikanern deswegen so schwer, weil zum ersten Mal zwei Kandidaten miteinander um das höchste Staatsamt wetteifern, die sich an Unbeliebtheit geradezu übertrumpfen. Die meisten Amerikaner misstrauen Trump wie Clinton abgrundtief, weil sie beide (wenn auch sehr unterschiedlichen) Dreck am Stecken haben.

Ihre Fragen an unsere Experten in der US-Wahlnacht

Welche Folgen hat die Wahl in den USA für die Amerikaner und den Rest der Welt? In der Wahlnacht beantworten Experten wie Melissa Eddy von der New York Times und Gary Smith von der American Academy ab 22:30 Uhr Ihre Fragen in einem Liveblog auf ZEIT ONLINE. Senden Sie uns hier oder auf Twitter (Hashtag #1wahl1000fragen) schon vorab Ihre Fragen zu.



Vieles geschah in diesem Wahlkampf zum ersten Mal: Selten war eine Auseinandersetzung derart schmutzig und inhaltsleer. Statt über Politik und Ideen zu streiten, beschimpften und beleidigten sich die beiden Bewerber unentwegt. Das war in erster Linie die Schuld des unflätigen und irrlichternden Donald Trump. Aber Hillary Clinton bot ihm mit ihrem E-mail-Skandal und den lauwarmen Ausflüchten immer wieder Anlass dazu.

Seit jeher werden Wahlkämpfe in Amerika besonders heftig und unversöhnlich ausgefochten. Und immer wieder schien es, als stünde die Nation kurz davor, an ihren inneren Widersprüchen zu zerbrechen. Sie hielt zusammen und wird auch nach dieser Wahl, egal wie sie ausgeht, nicht auseinanderfallen.