ZEIT ONLINE: Herr Shapiro, die meisten Umfragen zur US-Präsidentschaftswahl sehen Hillary Clinton vorne. Doch ihr Konkurrent Donald Trump holt auf. Was lässt sich daran ablesen?

Robert Y. Shapiro: Bemerkenswert ist, dass sich jetzt alle nationalen Umfragen annähern. Im Durchschnitt ist Clinton ein paar Prozentpunkte vorne, in einer der neuesten Umfragen von ABC und Washington Post ist es Trump. Auf RealClearPolitics sieht man: Die Unterschiede sind alle noch in den Stichprobenfehlern enthalten, es wird eine knappe Wahl. Vorausgesetzt, alle Umfragen haben die Wahlbeteiligung richtig berechnet.

ZEIT ONLINE: Also alles offen?

Shapiro: Trump hat behauptet, dass die Umfragen danebenliegen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es möglich, dass alle Umfragen wirklich falsch sind. Wichtiger noch als die nationalen sind die Umfragen in den Bundesstaaten: Der Trend ist derselbe, aber wir sehen nicht, dass die sich so stark annähern wie national. Wir wissen allerdings auch nicht sicher, ob sie das vielleicht nicht schon länger tun. Es gibt schlicht zu wenige lokale Umfragen und oft sind sie zwei bis drei Wochen alt.

ZEIT ONLINE: Wo könnten die Fehler liegen?

Shapiro: Wenn die Umfragen falsch sind, hat es damit zu tun, dass die demographische Zusammensetzung der Wähler nicht richtig eingeschätzt wurde: dass ganz andere Gruppen wählen gehen als angenommen. Das sehen wir in Europa und in Israel in letzter Zeit. Dass die Umfragen nicht die tatsächlichen Wählergruppen widerspiegeln, ist der fehleranfälligste Faktor.

Robert Y. Shapiro ist Professor an der Columbia University in New York und früherer Leiter des Instituts für Politikwissenschaft. © Columbia University


ZEIT ONLINE: Welche Überraschung kann es am Wahltag geben?

Shapiro: In den Midterm-Kongresswahlen 2014 sind die Demokraten deutlich geschlagen worden. Warum? Die Wahlbeteiligung von Schwarzen, Hispanics und Jungen war sehr niedrig im Vergleich zu Weißen und älteren Wählern, also der republikanischen Basis. Das war ein extremes Beispiel. Aber solche Abweichungen können die Wahl beeinflussen, selbst wenn es nur kleine sind. Die Republikaner wünschen sich natürlich eine niedrige Wahlbeteiligung bei Minderheiten und Wählern zwischen 18 und 30 Jahren.

ZEIT ONLINE: Und warum reden alle über Utah?

Shapiro: Das Spannende ist: Utah hat zwar nicht viele Wahlmänner. Aber alle Szenarien, in denen Trump gewinnt, gehen davon aus, dass er auch Utah gewinnt. Wenn er das nicht tut, wird es ungleich schwerer für ihn, eine Mehrheit zu bekommen.