ZEIT ONLINE: Herr Bahgat, Ägypten kämpft mit einer verheerenden Wirtschaftskrise, das Pfund ist entwertet, viele Läden sind leer, Armut grassiert wie nie zuvor. Muss man sagen: So schlimm stand es noch nie um Ägypten?

Hossam Bahgat: Es ist eine bizarre Zeit in Ägypten. Es ist gut, Journalist zu sein, um das alles zu beobachten. Die Menschen sind frustriert und wütend über die horrende ökonomische Krise. Es gibt weniger Unterstützung für Präsident Abdel Fatah al-Sissi, viele junge Ägypter sprechen kritisch über ihn. Das Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF) verschafft dem Land ein kurzfristiges Aufatmen. Doch auch ein solcher Kredit wird langfristig keines der Probleme lösen, mit dem Ägypten zu kämpfen hat.

Der Journalist Hossam Bahgat © privat

ZEIT ONLINE: Wie wird sich die Präsidentschaft von Donald Trump auf Ägypten auswirken?

Bahgat: Der Wahlsieg von Trump ist eine großartige Nachricht für die Despoten in der Region. Für Sissi ist er der beste Partner. Die neue Freundschaft der USA und Russland wird auch Sissi stärken, der Putin schon lange unterstützt. Zudem verheißt ein Donald Trump für das Regime freies Geleit. Zwar erhielt das Militär auch unter Obama militärische und finanzielle Unterstützung. Doch bemühte sich das Regime bei ihm noch, ein halbwegs gutes Image aufrechtzuerhalten. Das wird jetzt wegfallen.

ZEIT ONLINE: Weil Sissi sein repressives System nun nicht mehr zu verbergen braucht?

Bahgat: Genau. Vor Donald Trump muss Sissi seine Diktatur nicht verstecken. Er muss sie nicht mehr wie eine halbwegs funktionierende Demokratie erscheinen lassen. Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei. Die USA werden unter Trump keinerlei Erwartungen mehr an Ägypten haben, was die Einhaltung von Menschenrechten angeht.

ZEIT ONLINE: Verhalten sich die Europäer da anders?

Bahgat: Leider nein. Europas Führungsriege braucht Ägypten für den Antiterrorkampf, für die Hilfe bei der Flüchtlingsfrage, für die vielen Wirtschaftsdeals. Viele Länder machen lukrative Waffengeschäfte mit Sissi. Das ist eine katastrophale Botschaft an die Zivilgesellschaft. Da wir keine organisierte Opposition haben, fehlt uns die Unterstützung von innen wie von außen. Ägypten spielt im internationalen Kontext keine Rolle mehr und Sissi nutzt das aus. Die vielen Krisen und Kriege um Ägypten herum helfen Sissis Erzählung, dass Ägypten das einzig stabile Land in der Region sei. Dabei wissen natürlich alle, dass die vermeintliche Stabilität nur eine Fassade ist.  

ZEIT ONLINE: Weil Sissi im Inneren alles tut, um sein Land zu destabilisieren?

Bahgat: Ja. Er hat mit aller Brutalität die Muslimbrüder in den Untergrund gedrängt, die sich in der Folge radikalisieren. Er hat das Land in den wirtschaftlichen Bankrott geführt. Er hat die zivile Opposition zerstört. Je größer die Probleme des Regimes sind, desto mehr suchen sie nach Sündenböcken. Und desto schlimmer wird es für uns als Zivilgesellschaft, auch wenn wir für die desaströse wirtschaftliche und politische Lage nichts können.

ZEIT ONLINE: Gefährlich ist es auch, über diese Missstände zu berichten. Sie selbst wurden vor einem Jahr vom Kairoer Militärgeheimdienst festgenommen.

Bahgat: Ich wurde einige Stunden lang verhört und drei Tage lang festgehalten. Es bestünde der Verdacht auf "Veröffentlichung falscher Nachrichten zum Schaden der nationalen Sicherheit", hieß es. Auch soll ich angeblich Informationen verbreitet haben, die den öffentlichen Frieden stören könnten.

ZEIT ONLINE: Kurz zuvor hatten Sie einen Bericht über die Verurteilung von 26 Militäroffizieren veröffentlicht, denen vorgeworfen wurde, einen Putsch gegen die Regierung geplant zu haben. Warum ist es so gefährlich, über die Armee zu schreiben?

Bahgat: Für diese Geschichte ging es um den Fakt an sich: Dass ich es gewagt habe, über die Armee zu schreiben, ist ein Tabubruch. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in Ägypten, dass niemand über die Armee schreibt. Es sei denn, sie gibt den Bericht selbst in Auftrag.

ZEIT ONLINE: Ihr Artikel stellt die Geschlossenheit der Armee infrage. Das ist ein Sakrileg in einem Land, in dem das Militär so sehr über die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt.

Bahgat: Ja, aber das Regime hat ein Problem mit allen meinen Geschichten. Etwa, wenn ich beschreibe, wie der Geheimdienst in die Parlamentswahlen eingreift oder wie verbreitet Korruption in der Führungsriege ist. Es geht ihnen um die Person und das Thema, weniger um die konkreten Informationen, die verbreitet werden. Jeder Versuch, das Bild der nationalen Einheit zu zerstören, wird zunichte gemacht. Journalismus wird unter Sissi als Verbrechen angesehen.