ZEIT ONLINE: Auf den Sturz des Muslimbruders Mohammed Mursi und die Machtübernahme der Militärs 2013 folgte eine bis heute andauernde Jagd auf Oppositionelle. Tausende Menschen wurden vom Militär getötet, mehr als 40.000 inhaftiert: Überwachung, Verfolgung und Folter sind Alltag.

Bahgat: Das Regime will die totale Kontrolle über die öffentliche Sphäre. Es verdrängt alle: die politische Opposition, die unabhängigen Medien, die Nichtregierungsorganisationen. Die einzige Sphäre, die bisher noch relativ frei war, ist das Internet. Wir vermuten, dass sie bald auch dagegen schärfer vorgehen. Und so den Ägyptern auch das letzte bisschen Freiheit nehmen.

ZEIT ONLINE: Können Sie als Onlinemedium überhaupt noch arbeiten?

Bahgat: Es ist sehr schwierig für uns Journalisten bei Mada Masr. Es ist es jeden Tag ein Abenteuer. Wir wissen nicht, an welcher Geschichte sie sich stören werden, welcher Artikel aus ihrer Sicht eine Grenze überschreitet. Wir wissen nicht, wie lange unsere Webseite noch laufen wird. Wir alle hier denken und arbeiten nur von Tag zu Tag.

ZEIT ONLINE: Wie stark ist die Überwachung im Internet?

Bahgat: Das Internet ist ein großes Problem für das Regime. Sie haben verschiedene Wege, damit umzugehen. Sie überwachen Facebook und Twitter mehr denn je. Sie verfolgen Leute wegen ihrer Postings, etwa wegen kritischer Äußerungen gegen die Polizei oder das Militär. Sie betreiben geheime Gruppen auf Facebook, um regimefreundliche Propaganda zu verbreiten und oppositionelle Stimmen zu attackieren. Auffallend ist, dass sie neuerdings sehr viel mehr und bessere Technologien für die Überwachung einsetzen. Es scheint Deals mit westlichen Firmen zu geben über eine neue Hard- und Software, die es unmöglich macht, anonym im Netz unterwegs zu sein. Auch Deutschland scheint daran beteiligt zu sein, auch wenn wir dafür noch keine Beweise haben. Zudem wird über ein neues Gesetz diskutiert, das es dem Regime ermöglichen würde, jede beliebige Internetseite zu schließen.

ZEIT ONLINE: Gibt es gegen Sie besondere Drohungen?

Bahgat: Neuerdings gibt es mehr Hetze gegen Mada Masr in den staatlichen Medien, im Fernsehen und in den Zeitungen. Sie versuchen uns zu diskreditieren. Sie sagen, wir seien ein Haufen von Dissidenten und würden den ausländischen Medien Informationen zuspielen, die Ägypten in einem schlechten Licht darstellten. Das liegt sicher an unserer wachsenden Popularität. Anfangs wurde Mada Masr nicht so wahrgenommen. Die Nachrichtenseite ging am 30. Juni 2013, dem Tag des Putsches gegen Mursi, online. Wir wurden im Laufe der Zeit immer bekannter, auch durch einige knallharte Investigativ-Geschichten, die für viel Aufsehen sorgten. Seither sind wir auf dem Radar.

ZEIT ONLINE: Wie schützen Sie Ihre Arbeit?

Bahgat: Es wird schwieriger. Wir wollen nicht verschlüsselt arbeiten. Dafür müssten wir die entsprechende Technik installieren und das würde Misstrauen schüren. Gleichzeitig bringen wir uns, unsere Autoren und Interviewpartner in Gefahr, wenn wir es nicht tun. Wir versuchen einen Mittelweg zu finden. Wir schützen standardmäßig unsere Kommunikation und versuchen gleichzeitig weitgehend Offline zu arbeiten. Wir verschicken keine wichtigen Informationen über das Internet, besprechen möglichst viel Face-to-Face, benutzen eher Papier als Onlinedokumente. Wir bieten Bezahltexte an, organisieren Events, vertreiben Merchandise-Artikel. Wir sind ein profitables Medienunternehmen, keine NGO. Wir hoffen, dass uns das schützt.

ZEIT ONLINE: Recherchieren Sie noch immer investigative Geschichten?

Bahgat: Sehr selten. Ich kann mir diese aufwendigen Recherchen nicht mehr leisten. Nur kurz nach dem Militärverfahren gab es weitere Verfahren gegen mich, die meine vorherige Arbeit als Leiter der Menschenrechtsorganisation EIPR betrafen. Das begann im Februar mit einem Reiseverbot. Dann wurde vor ein paar Monaten in einem Gerichtsurteil entschieden, mein persönliches Vermögen einzufrieren. Meine Konten sind gesperrt, obwohl es bisher nicht einmal eine Anhörung gab.