Für einige, die in Aleppo zum Bleiben verdammt sind, ist es die letzte Freiheit: zu entscheiden, wie sie sterben wollen. Nicht auf die eine Bombe zu warten, auf den einen Beschuss, oder bis sie in die Hände der Angreifer fallen, die jetzt von Haus zu Haus gehen und unsägliche Massaker verüben. Was immer an Stimmen in diesen Stunden noch nach draußen dringt, ist mit einem Abschied verbunden: Niemand weiß, ob es nicht seine letzte Nachricht sein wird. Einige der verbliebenen Bewohner der Stadt kündigen in unerträglicher Gewissheit an, sich lieber selbst töten zu wollen, als es Assads Schlächtern zu überlassen.

Es ist schwer, das Grauen in Worte zu fassen. Nicht nur das von Aleppo, sondern das in ganz Syrien. Erklären, das wünscht man sich von Journalisten. Heute fällt das besonders schwer. Wie soll man verstehen, was seit Jahren mit jedem Tag offensichtlicher geworden ist: Der Gewalt in Syrien setzt niemand etwas entgegen, die Täter müssen sich vor nichts fürchten. Die unmenschlichen Verbrechen dieses Krieges geschehen nicht im Stillen, sondern unter den Augen aller. Akteure und Institutionen, denen man einmal zugetraut hatte, solche Gräuel zu verhindern: Sie richten nichts aus. Die Vorstellung, die internationale Gemeinschaft habe eine Verantwortung, Menschen vor solchem Leid zu bewahren – wer soll das noch glauben?

Die Gründe, warum es so gekommen ist und in Aleppo nicht sein Ende finden wird, sind vielfach benannt worden. Sie alle zu erfassen, wäre eine Beschreibung der Welt, wie sie heute wieder funktioniert – in einem Satz: Es gilt das Recht des Stärkeren. Der Protest dagegen hält sich in Grenzen. Manche bejubeln die brutale Säuberung Aleppos sogar als Befreiung. Sie können kein Mitleid für die unschuldigen Männer, Frauen und Kinder zeigen, nur weil neben ihnen Extremisten sterben, die doch auch morden und quälen.

Was bedeutet das, wie geht es weiter? Als Journalist ist man ständig unter dem Druck, darauf eine Antwort zu finden. Ehrlich gesagt: Heute weiß ich es nicht. Ich wünsche mir nur, dass diese Menschen nicht vergessen werden, und dass wir aus ihrem Schicksal etwas lernen, möglichst schnell. Die Hoffnung, dass irgendjemand noch etwas für sie tun kann, ist schwach. Selbst wenn jetzt wieder eine Waffenruhe versprochen wurde und die Evakuierung möglich scheint: Sie sind der Willkür des Regimes ausgeliefert.

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