Als der Wahlsieger gegen 21.45 Uhr den Raum betritt, da bricht sich noch einmal der Jubel Bahn, all die aufgestauten Emotionen, all die Härten und Tiefen des gut einjährigen Wahlkampfes sind wie weggewischt. Alexander Van der Bellen kommt nach Besuchen in den TV-Studios, um auf der Wahlparty zu seinen Unterstützern zu sprechen. Die danken es ihm mit stürmischem Applaus und lassen ihren Kandidaten erst gar nicht zu Wort kommen. Als er sich dann doch Gehör verschaffen kann, bedankt er sich erst mal: "Ohne euch wäre es nicht gegangen", ruft er und lobt: "Wir haben Europa und der Welt gezeigt, es ist möglich. Wir haben ein rot-weiß-rotes Signal ausgesendet."

Der anstrengende Wahlkampf muss auch bei ihm Spuren hinterlassen haben. Keine lange Rede, geschweige denn: irgendeine Triumphgeste. Stattdessen verlässt Van der Bellen bald wieder die Bühne, taucht ab in der Menge.

Vier Stunden zuvor, kurz vor den ersten Hochrechnungen, ist die Anspannung in dem Saal unter den mehreren Hundert Van-der-Bellen-Anhängern riesig. Das Publikum ist so, wie man sich die überparteilichen Unterstützer eines linksliberalen Grünen vorstellt: Junge Männer mit schief sitzenden Schirmmützen, junge Frauen in Chucks mit Weißweingläsern. Daneben: Damen mit Halsketten vom Kunstmarkt, die in ihre Smartphones tippen. Anzug- und Strickpullover-Träger nebeneinander. Viele haben ihre Kinder mitgebracht. Natalja trägt ihre Tochter noch im Wickeltuch vor der Brust: "Ich hoffe es so sehr, es darf doch einfach nicht wahr sein, dass Hofer gewinnt!"

Dann erscheinen erste Zahlen aus einigen Wahlkreisen auf der Großbildleinwand, die sind, so betont es der Moderator immer wieder, überhaupt nicht repräsentativ und nur Momentaufnahmen. Doch hier liegt Van der Bellen vorn. Der Jubel ist ohrenbetäubend, auch wenn noch nichts gewonnen ist, denn plötzlich fühlen sie hier: Da geht was.

Selbst der Wahlkampfchef ist erst zurückhaltend

Und dann kommt die erste Hochrechnung. Bei der letzten Stichwahl im Mai war es derart knapp, dass die Kandidaten abwechselnd führten, erst die Auszählung der Briefwähler brachte damals die Entscheidung. Viele hatten für diese Wahl mit einem ähnlich engen Ausgang gerechnet und sich darauf eingestellt, das Ergebnis womöglich erst am Mittwoch zu erfahren. Doch dann steigt der grüne Balken im ORF-Studio weiter und immer weiter, klettert über die 50-Prozent-Hürde, da hält der Saal den Atem an, und bleibt schließlich bei 53 Prozent stehen.

Das ist deutlich, viel deutlicher als erwartet. Und damit wird allen im Raum auf einen Schlag klar: Diesen Vorsprung kann Hofer nicht mehr aufholen, der nächste Bundespräsident heißt Van der Bellen. Arme fliegen in die Höhe, der Saal bebt, wildfremde Menschen umarmen sich, während mancher dazwischen steht und es noch nicht fassen kann. Dass es wahr ist – und dass es endlich vorbei ist. Anderen steigen Freudentränen in die Augen. "Darauf haben wir seit einem Jahr gewartet", brüllt Stefanie, um den Lärm zu übertönen. Sie hat im Straßenwahlkampf geholfen, bei Wind und Wetter Flugblätter verteilt, gefroren, sich anpampen lassen, gezittert und gehofft. "Das war's jetzt. Endlich!", ist sie erleichtert.