Der junge Mann am Rednerpult im Washingtoner Ronald Reagan Building benutzte genüsslich ein deutsches Wort, doch er scheiterte am Umlaut, sodass es ihm im breiten Amerikanisch zu "Luugenpresse" geriet. Richard Spencer war berauscht vom Erfolg. Donald Trumps Wahlsieg hatte alle Einschätzungen der Medien widerlegt. Mit der Niederlage Hillary Clintons sei eine Wende vollzogen, der drohende Abstieg aufgehalten.

Lebhaft illustrierte Spencer den Verfall der einstmals großen, weißen amerikanischen Nation zu einer "kranken, ekelerregenden Gesellschaft, geführt von Korrupten, verteidigt von Hysterischen, trunken von Selbsthass und Degeneration." Verantwortlich dafür seien die liberalen Eliten mitsamt ihrem Anhang aus Schwarzen und Hispanics.

Die Dramaturgie der Agitation gebietet, dass auf den Niedergang Erlösung folgt. Also berichtete Spencer anschließend von der Hoffnung. Er fand sie in jenen Familien, die stundenlang in den Flughäfen der Provinz auf Trump gewartet hatten. Liebevoll bewachten sie die schlafenden Kinder in ihrer Mitte: ein mächtiges Bild, das ihm gezeigt habe, wie in seinem Volk wieder Identität und Stärke erwachte.

Bei seinem Publikum, den Teilnehmern der Jahrestagung des National Policy Institutes (NPI) vom 19. November, stieß er damit auf offene Ohren. In diesem von Spencer geleitetem privaten Thinktank der äußersten amerikanischen Rechten stehen Identität und Selbstbehauptung des weißen Mannes im Zentrum.

Eine faschistische Rede wie aus dem Lehrbuch

Spencer beschwor den Mythos von Niedergang und Rettung des "weißen Amerikas", der "Kinder des Lichts". Seit Trumps Wahlsieg sah er wieder Hoffnung. Seine Rhetorik von der Wiedergeburt einer großen weißen Nation barg einen deutlichen Nachhall aus den zwanziger, dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Als sei das nicht genug Ausweis der Gesinnung, schloss er mit "Heil Trump", "Heil unserem Volk", "Sieg Heil". Einige Zuhörer riss es von ihren Stühlen, den rechten Arm weit ausgestreckt. Videoschnipsel davon gelangten an die Öffentlichkeit. Der vollständige Redetext, den Spencer im Journal der NPI veröffentlichte, lässt keinen Interpretationsspielraum: Die begeisterten Zuhörer im Washingtoner Ronald-Reagan-Center hatten einer faschistischen Rede wie aus dem Lehrbuch gelauscht.

Ein amerikanischer Präsident, der den äußersten rechten Rand in Begeisterung versetzt – noch vor wenigen Jahren hätte dies eine Klarstellung über die Bedeutungslosigkeit dieses lunatic fringe nach sich gezogen. Heute aber holt sich Donald Trump einen Protagonisten dieses Milieus in seinen engsten Beraterstab. Denn Spencer und das NPI zählen zur sogenannten Alt-Right, jener "alternativen Rechten", aus der auch Trumps wichtigster Berater Steve Bannon stammt. Das ist alarmierend.

Für Geoff Eley, Historiker an der Universität Michigan in Ann Arbor, ist das Ausdruck einer tiefen politischen Krise. Als einer der den renommiertesten Experten für Deutsche Geschichte ist Eley mit den Eskalationsmechanismen westlicher Gesellschaften vertraut. Doch statt ins zwanzigste Jahrhundert blickt er nun mit Sorge auf die gegenwärtige Entwicklung.

Bei aller gebotenen Vorsicht vor historischen Vergleichen erkennt Eley in "Ideen und Absichten" der Alt-Right zentrale Merkmale "genuin faschistischen Denkens": den ethnisch getragenen Nationalismus, die autoritäre Verachtung der Demokratie, eine Besessenheit von Verfall und Wiedergeburt der Nation, Frauenfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und die Verherrlichung von Gewalt. Aufgrund ihrer offenen Begeisterung für diese Inhalte findet er die Präsenz der Alt-Right im Umfeld der Trump-Administration "äußerst verstörend". Er fürchtet, Akteure wie Bannon könnten die gegenwärtige Krise der Demokratie noch forcieren und damit die Bedingungen für eine weitere Radikalisierung schaffen.