Für Beobachter außerhalb der USA war die plötzliche Aufmerksamkeit für die Alt-Right im Zuge der US-Wahlen überraschend. Die Strömung findet selbst in jüngeren Untersuchungen zur amerikanischen Rechten kaum Beachtung. Der Begriff soll auf Richard Spencer zurückgehen, seine Verwendung ist daher umstritten. Eigentlich, lautet der Einwand, sei an Alt-Right nichts alternativ, sie berge gewöhnlichen Rassismus bis hin zum offenen Neonazismus. Die Bilder aus dem NPI scheinen das zu bestätigen.

Dennoch ist die Alt-Right nicht einfach eine amerikanische Nazi-Organisation. Es lohnt sich, das Milieu etwas differenzierter zu betrachten. Ihre Geschichte führt tief in die Verästelungen des amerikanischen Konservatismus und seine Variante der digitalen Revolution, also in die Geschichte und Gegenwart zugleich.

Der in Washington lehrende Politologe Michael Werz schrieb einmal, der amerikanische Konservatismus unterscheide sich durch seine "widerstrebende Toleranz" von seinem europäischen Pendant. Anders als in Europa sei es unüblich, anderen Lebensentwürfen feindselig zu begegnen. Dem amerikanischen Konservatismus käme daher in den Augen von Europäern mitunter der Status eines "Pseudokonservatismus" zu.

Andererseits, lässt sich ergänzen, können auch seine liberalen Seiten eine immense Destruktivität befördern. Das hat historische Gründe. Traditionell folgt der US-amerikanische Konservatismus den beiden großen Linien, die schon Alexis de Tocqueville Mitte des 19. Jahrhunderts der Demokratie in Amerika attestierte: Auf der einen Seite steht der Individualismus im Zentrum, was ihn im Vergleich zu seinen europäischen Verwandten ungleich liberaler machte. Die ausgeprägten Spuren der Adelsgesellschaft, die sich im europäischen Konservatismus bis weit ins 20. Jahrhundert finden, fehlen in der amerikanischen Variante. Auf der anderen Seite barg er stets die "Tyrannei der Mehrheit" und damit den Populismus. Dieser ist heute in der Lage, jene historische Liberalität vollständig auszuhebeln.

Die Neuerfindung der Republikaner

Wie in Europa auch müssen sich politische Strömungen in Amerika von Zeit zu Zeit neu erfinden. Das gilt besonders für die Rechte, die in arge Bedrängnis geraten war. Nach zwei Wahlniederlagen bilanzierten die Republikaner, dass sie die Kommunikationsrevolution verschlafen hatte, während sich die Demokraten bereits routiniert auf allen Kanälen der Neuen Medien in Stellung gebracht hatten.

Hätten sie die Priorität des Internet früher erkannt, räumten republikanische Strategen zerknirscht ein, hätten sie das Volk davon überzeugen können, dass Barack Obama ein Sozialist und Schlimmeres sei. Doch sein Wahlsieg 2008 und vor allem die erfolgreiche Einführung der Krankenversicherung schienen die Dominanz der Linken zu bestätigen. Für die Rechte war es höchste Zeit zur Gegenoffensive. Sarah Palins Ausspruch, für die Konservativen gelte es "nachzuladen", statt sich zurückzuziehen, war programmatisch.

Die daraufhin einsetzende nachholende Modernisierung der Republikaner wurde wie stets in solchen Fällen zur Überbietung. Das Internet geriet zu ihrem eigentlichen Wahlkampfort, rechte Blogger, Verschwörungstheorien und Fake-Meldungen überhitzten die politische Atmosphäre. Diese virtuelle Sphäre wurde das ureigene Terrain der Alt-Right, die daher in vertrautem Gelände kämpfen konnte. Es war die Stunde der erst 2007 gegründeten Breitbart News, die sich selbst zur Alt-Right zählt und deren Chef Steve Bannon auf den letzten Metern Trumps Wahlkampf managte. Der britische Guardian nennt die Alt-Right daher ein "far-right online movement".

Im Wahlkampf erwiesen sich die viralen Gerüchten und Verunsicherungen als äußerst effektiv. Blogs, Tweets und Retweets bestimmten das Geschehen so, wie früher Wahlkundgebungen und Demonstrationszüge.