Auch wenn es wehtut

Seine Nachricht aus Ost-Aleppo ist niederschmetternd, wieder einmal. "Es gibt keinen Weg raus", schreibt Zouhir auf WhatsApp, darunter ein trauriger Smiley. "Es ist zu gefährlich." Zuvor hatte es Gerüchte gegeben, dass nun einige Bewohner aus dem Viertel fliehen könnten. Doch auch dieses Mal wurde die Hoffnung jäh zerstört: Die syrischen und russischen Bomben fallen an diesem Morgen im Minutentakt. Sie treffen die ohnehin schon zerstörten Krankenhäuser, Wohnhäuser, Blutzentren. Und sie fallen genau dann auf die Zivilisten, wenn diese vor den einrückenden Regimetruppen fliehen wollen.

Vor zwei Wochen hat das Assad-Regime eine brutale Großoffensive gestartet, um die von Rebellen gehaltenen Viertel in Aleppo zurückzuerobern. Seitdem fallen so viele Bomben auf Ost-Aleppo wie selten zuvor in dem seit fünf Jahren anhaltenden Krieg. Jeden Tag sterben Dutzende Zivilisten, Zehntausende sind auf der Flucht. Es herrschen Chaos, Verzweiflung, Todesangst. Und mittendrin ist Zouhir. Seit zehn Monaten schreiben wir uns jeden Tag. Ich bin in Berlin. Zouhir ist in Ost-Aleppo.

Zouhir al-Shimale ist ein junger freier Journalist, lebt im belagerten Ost-Aleppo und berichtet von dort aus für ZEIT ONLINE und andere regionale und internationale Medien. Er leistet gerade in diesen Tagen schier Unglaubliches: Trotz des Hungers und der körperlichen und psychischen Erschöpfung berichtet er aus dem pausenlosen Bombardement. Er ist unser Kollege und für mich mittlerweile ein guter Freund. Jeden Tag hinterlässt er mir eine kurze Audionachricht auf WhatsApp, in den wenigen Minuten, in denen das Internet noch geht. Er klingt müde und kraftlos. In den vergangenen Monaten wirkte er immer noch optimistisch. "Ich komme hier schon raus", lautete meistens sein letzter Satz im Chat. Jetzt schreibt er: "Ich habe Angst vor den nächsten Tagen."

Aleppo in Syrien

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Nun gibt es Leute in Deutschland, die offenkundig sehr wenig Mitgefühl mit den Menschen in Syrien haben. Die anscheinend nicht ganz einordnen können, was dieser Krieg eigentlich bedeutet – für die Menschen vor Ort, aber auch für die Welt, in der wir alle leben. Die meinen, die Situation vor Ort besser einschätzen zu können als alle Experten, Journalisten, Politiker und Menschenrechtler zusammen. Das zeigt sich an den vielen hämischen und mitleidlosen Kommentaren, die etwa auf einen Text von Zouhir folgen.

Da wird gemutmaßt, dass er doch längst aus Ost-Aleppo hätte verschwinden können, wenn er gewollt hätte. Dass er sich sein Schicksal selbst ausgesucht habe und jetzt den Helden spielen wolle. Dass wir mit seinen Berichten nur Mitleid erheischen wollten und die Lage gar nicht so schlimm sei. Dass er auch ein Terrorist sei wie alle anderen oder dass er doch gar nicht in Ost-Aleppo sei, sondern längst in Sicherheit. Andere meinen, dass wir Journalisten die Leser bewusst täuschen wollten und uns mit den Dschihadisten verbündet hätten. Auch ich sei ja eine verdeckte Kämpferin der Al-Nusra-Front, wie Facebook-Nutzer mir gelegentlich mitteilen.

Es ist traurig und ermüdend, wieder und wieder die Fakten wiederholen zu müssen: Die syrische Metropole Aleppo ist seit 2012 in einen von den Rebellen gehaltenen Osten und einen von der Regierung kontrollierten Westen geteilt. Seit Juli wird Ost-Aleppo vom Regime belagert. Belagert heißt: abgeriegelt, eingekesselt, blockiert, besetzt. Es bedeutet, dass niemand herauskommt und auch niemand und nichts hereinkommt, in dem Falle auch keine Hilfslieferungen. Jeden Tag und jede Nacht fallen unzählige Bomben auf Ost-Aleppo. Kaum jemand hält sich dort noch freiwillig auf. Es gibt verschiedene Gruppen, auch extremistische, die sich teils gegenseitig bekämpfen. Das Regime begeht Gräueltaten, plündert und verwüstet die eingenommen Viertel. Dazwischen sind rund 250.000 Zivilisten gefangen. Nein, nicht alle Bewohner Ost-Aleppos sind Terroristen. Nein, man kann dort nicht sicher entkommen. Nein, Baschar al-Assad ist nicht das Opfer, sondern der Täter. Seit fünf Jahren schlachtet er vor den Augen der Weltöffentlichkeit sein eigenes Volk ab. Dabei wird er von Russland, dem Iran und Kämpfern der Schiiten-Miliz Hisbollah unterstützt. Für die vielen Verbrechen, die sie in Syrien begehen, wurde bisher noch keine dieser Kriegsparteien zur Verantwortung gezogen.

Das Versagen der westlichen Handlungsträger

Diese menschenverachtenden Kommentare sind zutiefst beschämend. Sie offenbaren Abgründe bei Menschen, die mitten in Deutschland leben – einem der sichersten und reichsten Länder der westlichen Welt. Schlimm sind diese Kommentare aber auch deshalb, weil sie zwei Gefühle verstärken, die man ohnehin verspürt, wenn man über die Lage in Syrien schreibt: Wut und Ohnmacht. Sie begleiten einen, wenn man beschreiben muss, wann und wo die Streu- und Fassbomben auf Wohnhäuser abgeworfen und welche Schulen attackiert wurden. Wenn man recherchieren muss, wie viele Kinder starben und wo es einen Giftgasangriff gab. Auch, wenn man lesen muss, wie sehr die von Assad und Putin begangenen Kriegsverbrechen verurteilt werden. Theoretisch.

Denn immer mal wieder tun alle ganz bestürzt. Man sei "besorgt" über die Lage in Aleppo, heißt es dann von Vertretern der Vereinten Nationen. Aleppo könne sich in "einen gigantischen Friedhof" verwandeln, das derzeitige Kriegsgeschehen könnte "eines der schlimmsten Massaker an der Zivilbevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg" bedeuten. Das ist alles richtig. Nur ändern solche leeren Worthülsen gar nichts. Sie bezeugen nur eines: das erschütternde Versagen der westlichen Handlungsträger.

Es ist essenziell, den Krieg und seine unmittelbaren Auswirkungen zu dokumentieren

Alle internationalen Vermittlungsbemühungen sind bislang gescheitert. Das ist ein Armutszeugnis für die internationale Gemeinschaft, zeigt es doch, wie wenig Einfluss etwa die USA und die Vereinten Nationen in der Region noch haben. Internationale Appelle für eine Feuerpause werden von Russland und Assad regelmäßig zurückgewiesen. Die Russen (und Chinesen) brauchen im Weltsicherheitsrat nur ein Veto einzulegen – und alle nicken frustriert, um dann kleinlaut beizugeben. Nun will sich Russland zwar offenbar mit den USA über einen Abzug aller Rebellen aus Ost-Aleppo und eine Waffenruhe beraten. Doch sind die Erwartungen an eine Einigung auch dieses Mal nicht besonders hoch. 

Auch den vielen Menschen, die versuchen, aus der Ferne etwas zu verändern, wird erneut schmerzhaft bewusst, wie wenig sie bewirken können. Das bringt auch uns Journalisten an unsere Grenzen. Wir wiederholen und wiederholen die Nachrichten über die Brutalität dieses Krieges. Wir interviewen Menschenrechtler, Ärzte, Zivilisten vor Ort. Und haben das Gefühl, dass weder ihre noch unsere Aussagen die Lage auch nur im Geringsten verändern. Auch nicht die Berichte, die Assads und Putins Kriegsverbrechen dokumentieren. Auch keiner der vielen Appelle von Aktivisten.

Bei den Massakern, die jeden Tag vor unseren Augen stattfinden, ist es schwer, noch an die Wirkmacht der eigenen Arbeit zu glauben. Wichtig ist sie trotzdem. Es ist essenziell, den Krieg und seine unmittelbaren Auswirkungen zu dokumentieren. Die Bilder von verwundeten Kindern und zertrümmerten Häusern zu zeigen. Auch wenn es wehtut.

Deswegen höre ich mir verzweifelte Audionachrichten auf WhatsApp an, wo im Hintergrund Bomben einschlagen und der Gefechtslärm die Stimme überlagert. Höre die Erschöpfung und Angst – und erreiche tagtäglich die Grenze des Erträglichen.

Es bleibt nur, trotz allem an die Bedeutsamkeit des Berichtens zu glauben. Das ist es, was mir Zouhir in diesen Tagen klarmacht: Dass man weitermachen muss, dass man an die Notwendigkeit des Augenzeugenberichts glauben muss. Dass wir die Menschen in Syrien sprechen und zu Wort kommen lassen müssen. So lange sie es können.