Sarah Olney konnte ihr Glück kaum fassen. Als am frühen Freitagmorgen das Ergebnis der Nachwahl in Londons Wahlkreis Richmond Park bekannt gegeben wurde, konnte sie ihr Grinsen, das sich von Ohr zu Ohr zog, nur mit Mühe unterdrücken. Was gerade geschehen war, glich einem politischen Erdbeben: Die Liberaldemokratin Olney hat den früheren Tory-Abgeordneten Zac Goldsmith überraschend von seinem Parlamentssitz verdrängt. Und das in einem Wahlkreis, den Goldsmith noch im vergangenen Jahr mit einem gigantischen Vorsprung von 23.000 (von rund 59.000) Stimmen gewonnen hatte.

Die überraschende Entscheidung ist der bislang deutlichste Protest gegen den harten Brexit-Kurs, den die Regierung von Premierministerin Theresa May in den vergangenen Wochen immer wieder angedeutet hat.

Vordergründig ging es in Richmond Park um Lokalpolitik: Goldsmith, der im Mai das Rennen um den Posten des Bürgermeisters von London gegen den Labour-Politiker Sadiq Khan verloren hatte, war vor einigen Wochen aus Protest gegen den geplanten Ausbau des Flughafens Heathrow aus der konservativen Partei ausgetreten und hatte sein Mandat als Parlamentsabgeordneter niedergelegt. Bei der Nachwahl trat er als unabhängiger Kandidat an. Er erklärte, die Abstimmung solle ein "Referendum über Heathrow" werden. Die regierenden Tories stellten sich hinter ihn und nominierten keinen eigenen Kandidaten.

Doch die Liberaldemokraten, die seit ihrer Wahlschlappe im vergangenen Jahr mit nur noch acht Abgeordneten im Unterhaus vertreten waren, hatten andere Pläne. Sie erklärten die Nachwahl zu einem Referendum über den Brexit. Dass die Wähler diesem Aufruf so deutlich gefolgt sind, ist ein deutlicher Rückschlag für die Regierung von Theresa May.

"Es geht um Dynamik"

Sarah Olney machte sich umgehend an die Arbeit. In ihrer Siegesrede erklärte sie: "Wir werden das Großbritannien verteidigen, das wir lieben. Wir werden aufstehen für das offene, tolerante und geeinte Großbritannien, an das wir glauben." Die Wählerinnen und Wähler in Richmond Park hätten "eine Schockwelle" in Richtung der "konservativen Brexit-Regierung" geschickt. "Unsere Botschaft ist klar: Wir möchten keinen harten Brexit. Wir möchten uns nicht aus dem (europäischen) Binnenmarkt zurückziehen. Und wir werden Intoleranz, Zwietracht und Angst nicht gewinnen lassen." Der Chef der Liberaldemokraten, Tim Farron, fügte hinzu, er glaube daran, dass die Nachwahl den Kurs der Regierung verändern könne. "Es geht um Dynamik."

Kurz darauf verlor die frisch gekürte Abgeordnete Olney jedoch bei einem Radiointerview die Nerven. Dabei verteidigte die Politikerin zunächst noch ihren Standpunkt, dass beim EU-Referendum im Juni das Ausmaß unklar gewesen sei, das der Brexit annehmen würde. Die Moderatorin entgegnete, alle führenden Mitglieder der Remain-Kampagne hätten darauf hingewiesen, dass Großbritannien bei einem Brexit auch seinen Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren würde. "Da war überhaupt nichts unklar." Nach einigen Sekunden Stille sagte ein Assistent der Politikerin: "Es tut mir leid, aber Sarah muss jetzt gehen." Die Moderatorin fragte daraufhin, ob Olney für den Job der Abgeordneten geeignet sei, wenn sie schon Radiointerviews nicht standhalten könne. Angesichts der Schlammschlachten, die im britischen Politikbetrieb an der Tagesordnung sind, eine durchaus berechtigte Frage.

Der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg, ein glühender Brexit-Befürworter, räumte ein, dass es bei der Nachwahl in Richmond Park um den EU-Austritt gegangen sei. Er wertete den Ausgang der Wahl jedoch als Trotzreaktion: "Es gibt verständlicherweise eine Verstimmung unter Menschen, die sehr stark auf der Remain-Seite standen, darüber, dass die Mehrheit des Landes gegen sie gestimmt hat." Der führende Leave-Aktivist Michael Gove warnte davor, dass es "ein Fehler" wäre, das Ergebnis "überzuinterpretieren".

Der Brüsseler Brexit-Verhandlungsführer Guy Verhofstadt machte aus seiner Freude über das Ergebnis hingegen keinen Hehl. Auf Twitter schrieb er: "Glückwunsch @sarahjolney1 und @LibDems. Europa schaut zu & wir sind stolz". Das brachte ihm eine wütende Antwort vom früheren Minister für Arbeit und Renten, Iain Duncan Smith, ein. Smith, der ebenfalls einen harten Brexit befürwortet, entgegnete, Verhofstadt solle sich "um seinen eigenen verdammten Kram kümmern". Dem Telegraph sagte er: "Die Wahrheit ist doch, dass diese Typen ungewählt sind. Wie wagt also ein ungewählter Apparatschik überhaupt, sich zu Wahlen zu äußern." Verhofstadt solle "aufhören zu jammern und herumzunörgeln".