Die 91-jährige Kärntnerin interessiert sich seit Jahren nicht mehr für Politik, sagt sie. Doch nun hat sie, meine Oma, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben grün gewählt. Sie nutzte ihre Stimme gegen einen deutschnationalen Burschenschafter, dies jedoch weniger aus wirklichem Politikinteresse, als um mir, ihrem Enkel, einen Gefallen zu tun.

Die Kärntnerin ist Teil einer politisch zentralen Figur Österreichs: des Nichtwählers. Und diesen konnte am Ende vor allem der Grünen-Kandidat Van der Bellen überzeugen. Stimmten für den Wirtschaftsprofessor bei der aufgehobenen Stichwahl nur 30.000 Wähler mehr als für den freiheitlichen Norbert Hofer, waren es diesmal zehn Mal so viele.

Die beiden Kandidaten kämpften um den Nichtwähler in Fernsehdiskussion um Fernsehdiskussion, während in der Bevölkerung allgemeine Ermüdung eingesetzt hatte. Doch am Ende kletterte die Wahlbeteiligung dann auf 74,2 Prozent und Van der Bellen gewann 169.000 frühere Nichtwähler für sich. Zwar blieben auch einige Grün-Wähler beim zweiten Anlauf lieber zu Hause, doch waren es lange nicht so viele wie bei den Blauen.

In Wien feierten Van der Bellens Anhänger einen symbolischen Sieg: Die ganze Bundeshauptstadt färbte sich grün, in jedem einzelnen Viertel, selbst im blau regierten Arbeiterbezirk Simmering, erreichte Van der Bellen eine, wenn auch knappe, Mehrheit.

Knappe Mehrheiten für den Grünen

Laut vorläufigem Endergebnis führt Van der Bellen mit mehr als sieben Prozent. Erschien die Österreich-Karte bis auf die Landeshauptstädte nach der ersten Wahl noch blau, gewann Hofer diesmal nur drei der neun Bundesländer für sich: sein Heimatbundesland, das Burgenland sowie die Steiermark und Kärnten.

Auf dem Land schien die Strategie des Grünen aufzugehen: Van der Bellen besuchte im Wahlkampf Dorffeste, trug Trachten, plakatierte eine idyllische Alpenlandschaft und kämpfte darum, die Definitionsmacht des Heimatbegriffs von der FPÖ zurückzugewinnen. Heimat sei nicht die Nation, sondern vor allem die Region, in der man aufwächst, sagte der Sohn estnischer Flüchtlinge, für ihn: das Tiroler Kaunertal.

Nicht überraschend stimmten dort 286 von 331 Wählern für den Kaunertaler, ein Ergebnis, das nicht mal die hippen Wiener Innenstadtbezirke schlagen konnten. Überraschend jedoch drehte Van der Bellen das Ergebnis im Vergleich zur ersten Stichwahl in mehr als 280 der über 2.000 Gemeinden Österreichs zu seinen Gunsten – Hofer hingegen konnte nur eine für sich hinzugewinnen. Mehrheiten färbten Bundesländer grün, die nach der ersten Stichwahl blau waren.