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Die friedliche Ordnung auf dem alten Kontinent, wie sie nach 1989 entstand, ruhte im Wesentlichen auf drei Pfeilern: auf der Nato, der EU und auf dem Mosaik der regierenden Parteien der linken und rechten Mitte. Die Nato lieferte die Hardware, die EU lieferte die Software, und die regierenden Parteien schafften Legitimität. Alle drei Pfeiler sind jetzt unreparierbar beschädigt.

Donald Trumps Sieg hat die Nato begraben. Kollektive Verteidigung und Abschreckung können nur funktionieren, wenn es dabei keinen Anlass für Spekulationen gibt. Trump hat klargemacht, dass er sich seine Optionen offenhalten will. Diese Alles-ist-möglich-Politik ist ein Rezept für Anarchie. Und ich spreche noch nicht einmal von Trumps Verbindungen zu Wladimir Putin.

Das Brexit-Referendum hat die EU begraben. In den nächsten Jahren wird die EU ganz in Anspruch genommen werden von dem hässlichen Scheidungsprozess, sie wird keine Zeit und Energie haben, ihre Soft Power nach außen zu entfalten. Das bedeutet: Die Nachbarschaft wird zunehmend instabiler werden, was weitere Flüchtlingsbewegungen generieren und den Handel mit Rohstoffen und Waren behindern wird. Viele haben die EU-Erweiterungspolitik kritisiert. Aber die Türkei und die Ukraine könnten heute Rumänien oder Polen ähneln, wäre die Erweiterungspolitik nicht auf Eis gelegt worden. (Das heißt natürlich nicht, dass Polen und Rumänien Vorbilder für Stabilität und gute Regierungsführung wären.)

Der spektakuläre Aufstieg von Anti-Establishment-Parteien hat den liberalen Konsens begraben, von dem Europas Sicherheit in den vergangenen drei Jahrzehnten so abhängig war. Dieser Konsens sah offene Grenzen, Entwicklungszusammenarbeit, multilaterale Diplomatie und die Förderungen von Menschenrechten und Demokratie vor. All diese Ideale werden nun von den neuen Playern offen infrage gestellt, und die Wähler scheint es nicht länger zu kümmern.

Kein Unfall der Geschichte

Trump, der Brexit und der konterrevolutionäre Aufstand gegen liberale Werte sind kein Unfall der Geschichte. Liberale aus den Parteien der linken wie rechten Mitte haben ihre Ideale wieder und wieder verraten: Sie sind aus fragwürdigen Gründen in andere Länder einmarschiert und haben sogar Gefangene gefoltert. Kein Wunder, dass die Wähler zynisch wurden und anfingen, alternative Parteien und Politiker zu unterstützen. Der Brexit resultierte aus der Unfähigkeit der EU, sich selbst zu reformieren und Wege zu finden, die einfachen Bürger zu stärken, nicht bloß Bürokraten und Lobbyisten. Trump ist ein Kind der demokratischen Defekte in den USA, die verantwortlich sind für grassierende Ungleichheit, die Lähmung der Regierung und imperiale Überdehnung.

Heute weiß niemand, wie sich dieses Chaos beseitigen lässt und man es schafft, dass die Europäer sich wieder sicher fühlen. Es ist nicht einmal klar, wer die diplomatische Reinigungsoperation übernehmen wird. Deutschland hat gerade einen Mann als neuen Außenminister ins Gespräch gebracht, der mit seinem aggressiven Stil im Europaparlament die meisten europäischen Staatschefs gegen sich aufgebracht hat. Italien hat gerade einen neuen Außenminister ernannt, der keine echte Partei hinter sich hat und keinerlei diplomatische Erfahrung besitzt. Großbritanniens neuer Außenminister ist berühmt für seine albernen Scherze, aber nicht für strategische Visionen. Der polnische Außenminister scheint mehr daran interessiert zu sein, Fahrradfahrer, Vegetarier und Umweltschützer zu bekämpfen, als bedeutende internationale Vereinbarungen zu schließen. Mit Topdiplomaten wie diesen ist es unwahrscheinlich, das Europa sicher durch die zu erwartende Phase der Turbulenzen kommt.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre legt den Schluss nahe, dass die meisten Probleme auf Angela Merkels Schreibtisch landen werden. Angesichts der bevorstehenden Wahl wird sie darüber nicht erfreut sein. Aber wen kann sie um Hilfe bitten? Frau May, Frau Szydło oder Frau Le Pen? Ich bin nicht sicher, ob Geschlechtersolidarität den Zweck erfüllen wird.

Bei der Sicherheit geht es nicht unbedingt darum, adäquate militärische Hardware gegen den vermeintlichen Feind aufzubauen. Es geht mehr darum, ein dem Frieden förderliches Umfeld zu schaffen, durch gemeinsame Einsatzregeln, gegenseitiges Vertrauen und normative Annäherung. Darum waren Institution wie die Nato und die EU entscheidend für den Erhalt des Friedens, zusammen mit dem liberalen Konsens über legitimes und illegitimes Verhalten. Ohne diese Pfeiler der europäischen Ordnung kann ein kleiner unerwarteter Konflikt außer Kontrolle geraten und gegenseitige Beschimpfungen und Verdächtigungen produzieren, die zum Zusammenbruch der Kommunikation, Verschwörungstheorien, irrationalem Verhalten und Aggression führen. Kaum jemand hatte erwartet, dass das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich in Sarajevo 1914 zu einem Krieg führen würde, in dem Millionen Menschen sterben. Wir wissen nicht, welche Überraschungen uns ein Jahrhundert später erwarten, aber während wir in eine neue Phase der Verwirrung und Turbulenz eintreten, ist es wichtig, unsere Sicherheitsgurte anzulegen und damit aufzuhören, miteinander zu streiten.

Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Luther