Eine solche Aufmerksamkeit haben die 538 Mitglieder des Electoral College lange nicht bekommen. Seit Wochen bombardieren panische Amerikaner die Wahlmänner mit zehntausenden Briefen, Sprachnachrichten und E-Mails. Eine Online-Petition, die die Gruppe dazu auffordert, Hillary Clinton zur nächsten Präsidentin der USA zu machen, sammelte seit der Wahl fast fünf Millionen digitale Unterschriften. In dieser Woche schaltete sich gar eine Handvoll Prominenter in die Debatte ein und drängte die Wahlmänner in einem Video, Trump die Stimme zu verweigern. "Sie haben die Chance, als Helden in die Geschichte einzugehen", heißt es in dem gut zweiminütigen Clip von Schauspieler Martin Sheen.

Wenn die Wahlmänner am kommenden Montag in ihren Bundesstaaten über den künftigen Präsidenten abstimmen, ist das in der Regel nichts weiter als eine Formalie. Wer am Wahltag mehr als 270 Stimmen des Electoral College erhält, der wird auch Präsident. Doch in diesem Jahr regt sich Widerstand, nicht nur, weil Hillary Clinton am 8. November 2,6 Millionen Stimmen mehr erhalten hat als ihr Kontrahent. Vor allem die Möglichkeit eines direkten Eingriffs Russlands in den Wahlkampf hat der Debatte um die Rolle der jahrhundertealten Institution neue Dringlichkeit gegeben.

Sowohl das Weiße Haus als auch das FBI und der US-Geheimdienst CIA sind inzwischen ganz offiziell überzeugt, dass der Kreml nicht nur hinter den Hacker-Attacken auf die E-Mail-Server der demokratischen Partei im Sommer steht. Der russische Präsident Wladimir Putin soll gar persönlich die Veröffentlichung von Dokumenten überwacht haben, die Hillary Clintons Chancen auf einen Wahlsieg schmälern sollten.

Am Freitag nannte Clinton selbst die Attacken "schändlich" und einen persönlichen Rachefeldzug des Kreml-Chefs. Präsident Obama kündigte Konsequenzen für Russland als Folge des Eingriffs in amerikanische Angelegenheiten an. Donald Trump wies die Vorwürfe wiederholt zurück – und reagierte stattdessen mit der Ernennung von russlandfreundlichen Kabinettsmitgliedern wie dem Öl-Magnaten Rex Tillerson.

Offener Brief an Geheimdienstchef Clapper

"Wird die veraltete Institution ihrer Rolle endlich gerecht und bewahrt unser Land vor einer nationalen Katastrophe?", fragte das Magazin Rolling Stone in dieser Woche angesichts dieser Enthüllungen. Auch die beiden demokratischen Kongressmitglieder David Cicilline und Jim Himes forderten die Wahlmänner Anfang der Woche auf, ernsthaft darüber nachzudenken, die Ernennung von Trump zu stoppen.

Tatsächlich gibt es in deren Reihen angesichts der beispiellosen Situation inzwischen Gewissenskonflikte. In einem offenen Brief an Geheimdienstchef James Clapper forderten zehn demokratische und republikanische Wahlmänner vor wenigen Tagen zusätzliche Informationen über die Rolle Russlands im Wahlkampf ein, bevor sie ihre Stimme abgeben. "Die Wahlmänner müssen umfassend darüber informiert werden, ob es laufende Ermittlungen in Bezug auf Verbindungen zwischen Donald Trump, seiner Kampagne und Manipulationen von Seiten der russischen Regierung gibt, wie weitreichend diese Ermittlungen sind und wer daran beteiligt ist", hieß es in dem Schreiben.

Ihre Aufgabe sei es schließlich nicht nur, die Ergebnisse der Wahl "abzunicken", sondern "zu überprüfen, zu diskutieren und zu beraten, wem wir unsere Stimme geben", schrieb die Gruppe weiter. In ihrem Brief forderten sie zudem eindeutige Beweise von Donald Trump, die zeigten, dass er oder seine Mitarbeiter die Einmischung Russlands nicht bewusst hingenommen oder mit dem Kreml in irgendeiner Weise zusammengearbeitet zu haben.

Inzwischen schaltete sich auch die Spitze von Clintons Wahlkampfteam in die Debatte ein und bekundete volle Unterstützung für die Bemühungen der Wahlmänner. Der Brief der Gruppe werfe "schwerwiegende Fragen in Bezug auf unsere nationale Sicherheit auf", schrieb Clintons ehemaliger Wahlkampfmanager John Podesta. Die Demokraten hätten schon früh im Wahlkampf auf die Gefahren durch Hacker-Angriffe von Seiten des Kremls hingewiesen. "Aber leider hat das Thema nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hätte." Die Behörden müssten nun umgehend so viele Dokumente wie möglich freigeben, damit die Amerikaner "die Wahrheit über unsere Wahl erfahren können".