Könnte das die Lösung sein für die Millionen von Briten, die dem EU-Austritt ihres Landes mit Grauen entgegenblicken? Guy Verhofstadt, Chefunterhändler des Europäischen Parlaments für die Austrittsverhandlungen mit London, plant offenbar, britischen Staatsbürgern anzubieten, nach einem Brexit für eine "angeschlossene" EU-Staatsbürgerschaft zu bezahlen. Im Gegenzug könnten die britischen EU-Bürger dann ihren Wohnsitz innerhalb der EU frei wählen und an den Wahlen zum EU-Parlament teilnehmen.

Der Vorschlag stammt ursprünglich vom luxemburgischen Europa-Abgeordneten Charles Goerens. Am Mittwoch, nach der Abstimmung im Unterhaus in London, hätten Goerens und Verhofstadt jedoch beschlossen, den Plan zu beschleunigen. Bei der Parlamentssitzung hatten die Abgeordneten der Regierung von Premierministerin Theresa May zugesichert, ihren Zeitplan für den EU-Austritt zu unterstützen. May möchte bis Ende März Artikel 50 des EU-Vertrages aktivieren, mit dem die Austrittsverhandlungen mit der EU formell beginnen werden. Die Abstimmung vom Mittwoch habe den Ausblick auf einen EU-Austritt Großbritanniens "sehr real" werden lassen, sagte Goerens.

Bereits am Donnerstag sagte Verhofstadt einem Ausschuss des EU-Parlaments, er werde sich dafür einsetzen, dass die vorgeschlagene angeschlossene EU-Staatsbürgerschaft bereits Teil der Austrittsverhandlungen mit London werde.

Der Vorstoß dürfte viele Menschen auf beiden Seiten des Kanals beruhigen. Schließlich leben auf dem europäischen Festland etwa 1,2 Millionen Briten, in Großbritannien leben und arbeiten geschätzt 3,3 Millionen EU-Bürger. Erst im vergangenen Monat war May mit einem Vorstoß gescheitert, noch vor dem Beginn der Austrittsverhandlungen ein informelles Abkommen über den Aufenthaltsstatus von britischen und EU-Bürgern zu vereinbaren. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Vorstoß Berichten zufolge mit dem Hinweis darauf abgeblockt, dass es keine Vorverhandlungen geben solle, solange London nicht den EU-Austritt formell in Gang gesetzt hat.

Das Aufenthaltsrecht für EU-Bürger in Großbritannien dürfte der wohl heikelste Punkt bei den Brexit-Verhandlungen werden. Führende Minister in London haben in den vergangenen Monaten immer wieder durchblicken lassen, dass sie sich einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt für die britische Wirtschaft wünschen, das EU-Grundrecht auf Freizügigkeit aber zugleich beschränken möchten. Brexit-Vorkämpfer und Außenminister Boris Johnson zog kürzlich reichlich Spott auf sich, als er einem italienischen Minister erklärte, Rom werde Großbritannien den Zugang zum europäischen Binnenmarkt gewähren, da Italien keine "Prosecco-Exporte" verlieren wolle.

Als britische Abgeordnete nach dem "Nein" der Kanzlerin der EU vorwarfen, Unsicherheit zu verursachen, platze EU-Ratspräsident Donald Tusk der Kragen. In einem Schreiben warf Tusk den Abgeordneten Heuchelei vor, da es doch die britische Regierung sei, die plane, die Freizügigkeit für EU-Bürger einzuschränken. Die einzige Ursache für die "Angst und Unsicherheit" unter britischen und EU-Bürgern, fuhr Tusk fort, sei die Brexit-Entscheidung gewesen und die Weigerung Londons, die Austrittsverhandlungen schon früher in Gang zu setzen.

Verhofstadt, der Überlegene

May geriet ihrerseits in die Kritik, als sie sich weigerte, den Status von EU-Bürgern in Großbritannien zu garantieren. Tusks Brief zeige doch, dass sie damit richtig liege, Garantien gegenüber EU-Bürgern in Großbritannien nicht "wegzugeben", ließ May wissen. Die Briten in der EU würden sonst "sich selbst überlassen". Kritiker warfen der Premierministerin daraufhin vor, Menschen als Druckmittel bei Verhandlungen zu verwenden.

Damit hat May – die sich in Sachen Einwanderung seit jeher als Hardlinerin gibt, jedoch die Gelegenheit verspielt, in dieser Frage gegenüber der EU eine Position der moralischen Überlegenheit einzunehmen. Die besetzt jetzt – ausgerechnet! – Guy Verhofstadt.

"Beschämender Moment"

Es wäre eine Untertreibung, zu sagen, dass die Ernennung des früheren belgischen Premiers zum Brexit-Verhandlungschef der EU in London Unbehagen auslöste. Als Brexit-Minister David Davis kürzlich Verhofstadt in Straßburg traf, begrüßte der ihn mit den Worten "Willkommen in der Hölle!" (Das war als Revanche gedacht; Davis hatte im September auf die Ernennung Verhofstadts mit dem Worten "Weiche von mir, Satan!" reagiert.) Davis erklärte später, das Treffen habe "viel Spaß gemacht" und sei "sehr nützlich" gewesen. Zugleich hat Verhofstadt aber wohl auch da unmissverständlich klargestellt, dass es keine Aufweichung bei den vier EU-Grundrechten geben werde, zu denen die Freizügigkeit und der freie Warenverkehr gehören.

Unter anderem der Independent warf die Frage auf, was Verhofstadt mit seiner – wenn auch "begrüßenswerten" – Initiative hinsichtlich der EU-Staatsbürgerschaft für Briten nach einem Brexit wohl beabsichtige. Denn diese könne ja auch darauf hinauslaufen, dass London EU-Bürgern im Gegenzug gar nichts anbiete. Das wäre dann für Großbritannien "ein beschämender Moment", schreibt ein Kommentator des Blatts. Und der könnte ja ganz im Sinne Verhofstadts sein.