Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mit zwölf Toten bleibt international in den Schlagzeilen. Viele Kommentatoren sehen die Kanzlerin unter enormem Druck. "Es wird tausend Schuldzuweisungen geben und tausend Forderungen, was jetzt sofort zu tun sei", schreibt etwa Der Standard in Wien. "Vielleicht sind manche gar nicht schlecht – auch wenn sie von der Opposition kommen. Aber das wird die Herausforderung der kommenden Zeit für Merkel sein: abzuwägen – und dann zu entscheiden. Und sich nicht von den Scharfmachern provozieren zu lassen", heißt es in der Mittwochsausgabe der Zeitung.

Die Londoner Financial Times kommentiert, "es wäre unklug, wenn die deutsche Regierung nun auf jeden Anschlag mit der Ausrufung des Kriegs- oder Ausnahmezustands reagieren würde, wie das in Frankreich geschah". Damit wäre das Risiko verbunden, "die Erwartung eines definitiven Sieges (über den Terrorismus) zu wecken, den es niemals geben wird". Deutschland müsse seine Bemühungen um Integration fortsetzen. "Die Ausweisung der Flüchtlinge, die bereits im Lande sind, oder ihre Isolierung ist weder praktisch machbar noch würde sie den deutschen Wertvorstellungen entsprechen. Der Druck auf Angela Merkel wird in den kommenden Monaten zunehmen. Sie sollte standhaft bleiben, was immer der Preis dafür bei Wahlen sein wird."

In den USA kritisiert die New York Times die populistische Rechte, die "keine Zeit darauf verschwendet, Fakten über die Identität des Attentäters von Berlin oder ein Motiv abzuwarten, um Kanzlerin Angela Merkel für ihre menschliche Asylpolitik scharf zu kritisieren und die eigene fremdenfeindliche Agenda zu pushen". Diese Reaktion sei so vorhersehbar wie auch gefährlich und spiele der Terrormiliz "Islamischer Staat" direkt in die Hände. Die Terroristen wollten nichts anderes, als einen Krieg zwischen Christen und Muslimen in Europa zu beginnen. "Mit jedem neuen Anschlag, ob auf einen Weihnachtsmarkt oder eine Moschee, wird die Herausforderung für Europa schwieriger, Toleranz, Inklusion, Gleichheit und Vernunft zu verteidigen."

Der Tages-Anzeiger in Zürich erinnert daran, dass die Bundesregierung  auf die erhöhte Gefahr und die Kritik längst mit mehr Polizei, mehr Kontrolle und härteren Gesetzen reagiert habe, "sodass von der einstigen Willkommenskultur nicht mehr viel übrig geblieben ist". Die Kommentatoren warnen vor dem Beispiel Frankreich: Die dortige Gesellschaft sei von der unausgesetzten Reihe islamistischer Attentate mittlerweile derart eingeschüchtert, dass der Kampf gegen den bedrohlich empfundenen Islam kaum noch Grenzen kenne und Grundrechte wie die Religionsfreiheit zu schleifen drohe.

In den Niederlanden lobt die Zeitung de Volkskrant das besonnene Vorgehen der Kanzlerin. Während die populistische AfD bereits von "Merkels Toten" sprach, habe sich die Kanzlerin selbst "glücklicherweise intelligenter" geäußert. Sollte der Täter ein Flüchtling sein, dann wäre dies "besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind und gegenüber den vielen Menschen, die sich um Integration in unser Land bemühen". Auch könnten nette Worte nicht vertuschen, dass es eine noch viel größere Gruppe in Deutschland gebe, die sich Sorgen um ihre Sicherheit mache. Und die sich frage, ob die nicht durch Merkels 'Wir schaffen das' vermindert wurde.

Die belgische Zeitung De Tijd schreibt: "Für Merkel ist der Terroranschlag eine Heimsuchung. Ihre Gegner – vor allem die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) – dürften ihn in zehn Monaten bei den Bundestagswahlen ausschlachten." Im Anschlag von Berlin sieht die Zeitung einen Wendepunkt für Deutschland, so wie es in Belgien die Anschläge vom 22. März waren. "Die politischen Folgen sind noch nicht vollständig absehbar, doch ganz sicher wird dieses Unheil politisch benutzt und auch missbraucht werden." Der Umgang mit dem Anschlag und das weitere Vorgehen würden das Urteil der deutschen Wähler im September 2017 stark beeinflussen. "Die hellsichtige Kanzlerin weiß das."

Angela Merkel - "Wir müssen von terroristischem Anschlag ausgehen" Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin als grausame und unbegreifliche Tat bezeichnet. Die Tat werde bestraft werden, sagte Merkel. © Foto: Hannibal Hanschke / Reuters