Italien ist eine politische Zukunftswerkstatt. Das politische Schicksal Matteo Renzis hat uns das gerade wieder überdeutlich gezeigt. In diesem Land lässt sich besichtigen, was sich später und woanders in all seinem Schrecken entfaltet. So war es mit Benito Mussolini und Adolf Hitler, so ist es mit Silvio Berlusconi und Donald Trump. Der eine machte vor, was der andere perfektionierte und gnadenloser exekutierte.

Was ist es bloß, das dieses Land öfters schon zur düsteren politischen Avantgarde machte?

Es ist die ausgeprägte Neigung, für alle Sorgen, alle Ängste, alle Frustrationen zumeist ein und denselben Adressaten zu finden: die Politik. Sie ist der Sündenbock für alle unbequemen Lebenslagen. Und so taucht die Figur des Antipolitikers immer wieder unter heftigem Applaus der Massen auf der innenpolitischen Bühne auf.

Silvio Berlusconi ist in der jüngeren italienischen Geschichte das Paradebeispiel dafür. 1994 gewann er die Wahlen, indem er sich ausdrücklich als "Homo novus" präsentierte. Von der schmutzigen Politik unbefleckt, könne er alle Probleme des Landes lösen. Das war seine Behauptung.

Anfang der neunziger Jahre hatte er damit leichtes Spiel. Die traditionellen Parteien waren de facto in sich zusammengebrochen. Im ganzen Land breitete sich eine aggressive Abscheu vor der etablierten Politik aus.

Grillo ist die Inkarnation des Antipolitikers

Auf der Trümmerlandschaft der zerstörten Parteien strahlte das Bild Berlusconis umso heller. Er gab sich als Unternehmer, nicht als Politiker. So wie zwanzig Jahre später Donald Trump.

Berlusconi war freilich weder unbefleckt noch unschuldig. Wer das wissen wollte, der konnte es wissen. Aber die Sehnsucht nach einem Antipolitiker war stärker als die Fakten. Viele Italiener wählten das Bild von Berlusconi, der reale Berlusconi interessierte sie ziemlich lange nicht. Fast zwanzig Jahre dauerte es, bis er seine beherrschende Machtstellung verlor. Das war im Dezember 2011.

Nicht einmal zwei Jahre später, im Februar 2014, wurde Matteo Renzi Ministerpräsident. Er ist kein Antipolitiker, sondern stammt aus dem Herzen einer staatstragenden Partei, des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD). Trotzdem pflegte aber den Gestus dieser Figur. Er präsentierte sich als Gegner des Establishments, als "Verschrotter". Als Mann, der von außen kam, obwohl er aus dem Inneren des Systems stammte. Es war derselbe Mechanismus wie bei Berlusconi.

Renzi hatte gute Gründe dafür, sich als Antipolitiker zu geben, er hatte nämlich einen scharfen Konkurrenten: Seit dem Jahr 2012 hatte sich der gar nicht so komische Komiker Beppe Grillo innenpolitisch als feste Größe etabliert. Bei den Parlamentswahlen im Februar 2013 erreichte seine MoVimento 5 Stelle 25 Prozent der Stimmen.

Renzi musste also von Anfang an mit einem Mann konkurrieren, der die Inkarnation des Antipolitikers ist. Was bei Berlusconi noch eine Verachtung gegenüber der Politik war, das hatte sich bei Grillo geradezu zum Hass auf das System entwickelt.