Für Dario ist die Sache klar. "Ich stimme mit 'Nein'." In der Bar Senato im Zentrum Roms macht der Polizist seine regelmäßige Espressopause. Italienische Schnulzen tönen aus einem großen Flachbildfernseher, ein weißbesprühter Plastikweihnachtsbaum blinkt. Anders als es das Ambiente vermuten lässt, schauen hier auch regelmäßig Italiens Honoratioren vorbei: die Bar Senato befindet sich gegenüber der Länderkammer, die Italiens Regierungschef Matteo Renzi am heutigen Sonntag per Volksentscheid verkleinern will.

Renzi möchte, dass im Senatsgebäude – einem ehemaligen Palast der Familie Medici – statt aktuell 320 künftig nur noch 100 Abgeordnete tagen, und sie sollen nicht mehr jedes Gesetz des Nationalparlaments blockieren können. Der Ministerpräsident hat große Reformen versprochen, er will endlich effizienter regieren, das große Rad schwungvoller drehen, um Italien aus der Krise zu bringen. Seiner Meinung nach bremst da ein gleichberechtigtes Zweikammernsystem nur.

Dario hingegen will das Verfassungsreferendum nutzen, um Renzi zu stürzen. Er halte nichts von dem Premier, sagt er. Renzi wolle doch nur seine Macht ausbauen, die korrupte Politik nicht ändern. Dario ist 52 Jahre alt, seit 26 Jahren Polizist. Er ist ein Bär von einem Mann, an dem die dunkle Polizeiuniform dennoch zu groß wirkt. Seine Schirmmütze sitzt tief im Gesicht. Dario geht es nicht um die Zukunft der Länderkammer, er hat andere Probleme, genauso wie Luciana, die Kellnerin. 1.500 Euro verdiene ein hart arbeitender Italiener, erzählen die beiden, die Miete in Rom koste aber schon 1.000 Euro. "Wir können nicht leben, während die Politiker alles in die eigene Tasche stecken."

Beide sind sich einig: Renzi muss weg, und da eignet sich ein Nein gegen seine Pläne zur Verfassungsänderung gut, denn der italienische Premier hat den Fehler gemacht, den Ausgang der Wahl am heutigen Sonntag an sein politisches Schicksal zu knüpfen.

© Lisa Caspari für ZEIT ONLINE

"Guck mal." Dario nestelt sein Handy hervor. Es ist eines dieser WhatsApp-Kettenbilder, das ihn sehr amüsiert. "Am 4. Dezember will Renzi ein 'Ja'", steht da, "aber er bekommt ein 'Ciao'". Dario lacht und dabei tanzt seine Trillerpfeife auf dem runden Bauch. Er sei ein Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung, der Protestpartei des Komikers Beppe Grillo, die laut Umfragen derzeit stärkste Kraft in Italien ist. Je früher es Neuwahlen gebe, desto besser, findet Dario. Trete Renzi zurück und käme die Fünf-Sterne-Bewegung an die Regierung, werde sie die hohen Politikergehälter auf die kleinen Leute umverteilen. Die Fünf Sterne Bewegung, das seien ehrliche Leute, ist Dario überzeugt.

Dass die "Grillinos" auch mit einem Referendum über den Austritt Italiens aus der Eurozone liebäugeln, besorgt weder Dario noch Luciana. "Was bringt mir Europa?", fragt die Kellnerin, während sie über das Glas der Panini-Theke wischt. "Ihr seid da oben, wir aber sind ganz unten."

Fast 50 Millionen Italiener sind aufgerufen, über die Reform des Senats abzustimmen. Und obwohl es sich um eine innenpolitische Frage handelt, fürchten Europas Top-Politiker schon, dass die italienischen EU-Kritiker als die großen Sieger des Abends hervorgehen könnten. Zuletzt lag das 'Nein'-Lager in Umfragen leicht vorne.