Nach der Rückeroberung von Ost-Aleppo durch syrische Regierungstruppen sind in der Stadt die Leichen von zahlreichen getöteten Zivilisten gefunden worden. Nach Berichten des russischen Verteidigungsministeriums seien in den ehemaligen Rebellenvierteln der Stadt "mehrere Massengräber mit dutzenden Leichen" entdeckt worden. Auch die syrische Nachrichtenagentur Sana berichtet von mindestens 21 getöteten Zivilisten im Osten der Stadt. Die Angaben der verschiedenen Kriegsparteien sind jedoch schwer zu überprüfen und von unabhängiger Seite nicht bestätigt.

Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, sagte die Menschen in den Massengräbern seien "grausam gefoltert und hingerichtet" worden. Es müssten nun genaue Untersuchungen folgen. Diese würden aber mit Sicherheit dazu führen, dass der Westen "seine Verantwortung für die Grausamkeiten" der syrischen Rebellen anerkennen müsse.

Bei ihrem Rückzug hätten die Rebellen zahlreiche Menschen getötet, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Die Leichen von 21 Opfern, unter ihnen fünf Kinder und vier Frauen, seien in Gefängnissen der inzwischen vertriebenen "Terrorgruppen" entdeckt worden, zitierte Sana den leitenden Gerichtsmediziner in Aleppo, Saher Hadscho. Sie seien "durch Schüsse aus sehr kurzer Distanz hingerichtet" worden.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London teilte ihrerseits mit, dass mehrere Leichen auf den Straßen Ost-Aleppos gefunden worden seien. Wie viele genau, blieb offen.

Auch den syrischen Regierungstruppen und ihren Verbündeten werden Gräueltaten in Aleppo vorgeworfen. Nach Angaben der Vereinten Nationen hatten sie in den Tagen vor der Rückeroberung der Stadt mindestens 82 Zivilisten in den östlichen Vierteln getötet. Die Opfer seien regelrecht hingerichtet worden, teilten die UN mit.

Bevölkerung in Aleppo stark verringert

Die syrischen Regierungstruppen hatten am vergangenen Donnerstag nach wochenlangen Kämpfen mit russischer Unterstützung die Rebellenviertel in Aleppo zum ersten Mal seit vier Jahren wieder komplett unter ihre Kontrolle gebracht. In einer groß angelegten Evakuierungsaktion verließen rund 35.000 Menschen den Osten der Stadt.

Die Gesamtzahl der Menschen, die bisher im Osten Aleppos war, dürfte nach Zahlen der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes nun deutlich unter 100.000 liegen. Aktivisten und Rebellengruppen hatten die Anzahl an belagerten Menschen in den vergangenen Monaten mit bis zu 300.000 angegeben.

In den von Rebellen gehaltenen Gebieten am westlichen Stadtrand von Aleppo ging die Gewalt weiter. Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden an Heiligabend bei Luftangriffen mindestens sechs Zivilisten getötet. Bereits am Vortag seien bei einem Bombardement drei Rebellen gestorben.

15 Millionen für Aleppo

Ein lokaler Mitarbeiter der tschechischen Hilfsorganisation Mensch in Not starb ebenfalls. Laut dem tschechischen Nachrichtenportal Novinky.cz sei der Regionalkoordinator mit seiner Familie zu Hause gewesen, als bei einem Luftangriffen ihr Haus bombadiert wurde. Hasan Said as-Sun sei damit der fünfte Mitarbeiter der Hilfsorganisation, der in Syrien ums Leben kam. Auch seine Frau und mehrere Familienmitglieder seien tot. 

Im Osten Aleppos wurden laut einer Meldung von Sana zudem zwei Menschen von zurückgelassenen Sprengsätzen getötet und 33 verletzt. Berichte von regimenahen Medien konnten nicht bestätigt werden, nach denen die Wasserversorgung in Damaskus unterbrochen werden musste, weil Rebellen es angeblich mit Treibstoffs verpestet hätten. 

Um die Not zu lindern, will Deutschland 15 Millionen Euro für den Wiederaufbau von Aleppo zur Verfügung stellen. "Nachdem die internationale Staatengemeinschaft dem Morden und Bombardieren so hilflos zugeschaut hat, muss es jetzt einen humanitären Großeinsatz für die Menschen aus Aleppo geben", sagte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) der Bild. Mit dem Geld solle die Arbeit von rund tausend syrischen Ärzten, Krankenpflegern und Traumapsychologen in den kommenden 30 Monaten finanziert werden. Auch die UN seien nun in der Verantwortung, das "Überleben von Hunderttausenden" zu sichern. "Neben Lebensmitteln fehlen Ärzte und Medikamente. Tausende Menschen, darunter viele Kinder, müssen versorgt werden, sonst überleben sie diesen Winter nicht", sagte der CSU-Politiker.